Von falschen Narrativen und geschützten Räumen

Es ist ein bei Kirchens gern genommenes Narrativ, eine persönliche und schlechte Erfahrung in der digitalen Welt als Beleg dafür zu nehmen, um die analoge Welt als wahr, hilfreich und gut zu erklären. Jüngstes Beispiel ist Margot Käßmann in ihrer aktuellen zeitzeichen-Kolumne. Zitat: „Heute erzählen Menschen alles über sich. Bei Facebook posten sie unablässig, wo sie sind, wen sie treffen, was sie denken, was sie essen. Ganz zu Beginn habe ich unter falschem Namen einen Facebook-Account eröffnet, weil meine Töchter darüber Fotos teilen wollten. Obwohl ich selbst nichts aktiv gepostet habe, erhielt ich alle möglichen “Messages“ und dazu ständig Freundschaftsangebote. Ich habe diesen Spuk jetzt ganz und gar beendet“ schreibt sie und man fühlt die Erleichterung. Verbunden mit einem Vorwurf: „Inmitten des enormen Mitteilungsbedürfnisses ist für Vertraulichkeit offenbar kein Platz mehr.“

Wirklich? Zu aller erst verrät die Autorin ihr Verhältnis zu den Social Media: Der Inbegriff eines „Heute“ ein dem „Menschen“ „alles“ über sich erzählen, ja vielleicht gar noch der Welt mitteilen, was sie heute gegessen haben. Wie verwerflich? Gut die Hälfte aller Gespräche am Arbeitsplatz oder in der SBahn wären dann genauso sinnlos, denn Menschen kommunizieren nun mal gerne. Auch über das Essen. Wahlweise auch gerne übers Wetter, den letzten Urlaub oder Angela Merkel.

Wer in der Welt mit falschem Visier herumläuft und nur so tut als ob, wird aber immer anecken. „Ganz zu Beginn habe ich unter falschem Namen einen Facebook-Account eröffnet“ heißt nichts anderes als „Ich habe den Menschen, die kommunizieren wollen eine falsche Identität vorgespielt und so getan, als würde ich mich für sie interessieren. Und stellt euch vor! Die haben das dann echt gemacht und mir die Freundschaft angeboten. Geht ja gar nicht!“

Wer in der analogen Welt mit solch vorgespieltem Interesse unterwegs ist, dürfte die Glaubwürdigkeit bei seinem Gegenüber schnell verspielen. Und wer so in Socia Media geht, braucht sich nicht wundern, wenn die gemachten Erfahrungen nicht positiv sind. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Was als einzelne Erfahrung noch Schulterzucken hervorrufen könnte, gewinnt als Narrativ subversive Kraft: Seht, das was ich da erlebt habe, ist für mich Zeichen und Urbild einer verkommenen Welt, in der – und das ist die aus meiner Sicht unzulässige Verbindung – für Vertraulichkeit kein Platz ist. Da ist er wieder: der Untergang des Abendlandes. Wieso aber, ist für Vertraulichkeit kein Platz mehr? Wer mir etwas erzählen will, ohne dass die Welt es erfährt, schickt mir eine Direktnachricht. Und wer in sozialen Netzwerken zu viel ausplaudert, wird schnell von anderen Usern darauf hingewiesen und gefragt: „Willst du das jetzt wirklich der ganzen Welt erzählen?“ Menschen auf Social Media sind eine Community, die viel häufiger liebevoll und seelsorglich miteinander umgeht, als Menschen ohne jede Erfahrung in dieser Welt gerne mal annehmen. Wer ohne Helm und Erfahrung sich auf ein Fahrrad setzt und sich für ein Radrennen anmeldet, braucht sich nicht wundern, dass er nichts gewinnt und vermutlich mit Verletzungen ausscheidet. Social Media brauchen Offenheit und Lernen, um sich in ihnen zu bewegen. Mal vorbeischauen und darüber urteilen hilft nicht.

Nun war aber Sinn und Zweck des zeitzeichen-Artikels das Erzählen über die Beichte in einem geschützten Raum. Weil das Internet dazu ja nicht taugt, stellt die Fachkonferenz Seelsorge der EKD ein Riesenrad auf die Weltausstellung Reformation in Wittenberg 2017. „Darin können Menschen zum Spaß fahren oder aber mit einem Seelsorger, einer Seelsorgerin einige Runden drehen.“ Ein spannendes Angebot. Eine viertel Stunde zwischen Himmel und Erde und – wenn die Kabinen nicht verwanzt sind – alles was hier besprochen verlässt den Raum nicht. In jedem Fall treffen Menschen, die Riesenrad fahren wollen, auf Seelsorgende, die ebenda Seelsorge anbieten. Möglichkeiten zur Flucht sind, wenn das Rad mal fährt, eher schwierig. Menschen mit Höhenangst sind froh, dass Ihnen jemand die Hand hält. Und sicherlich wird durch die existentielle Bedrohung der rasenden Fahrt das ein oder andere Beichtgespräch ermöglicht. Wenn aber nicht der Gebrauch von Smartphones und Fotoapparaten verboten sein wird, ist der geschützte Raum im Riesenrad ebenso Konstrukt wie der angeblich so ungeschützte Raum des Internets. Hier wie da lässt sich fotografieren, filmen und posten. Menschen aber können und werden für sich frei entscheiden, wo sie offen sprechen und wo nicht. Und Kirche kann dem nachkommen und zuhören oder sich dem einen verweigern, weil das andere angeblich besser ist. „Es gibt sie, die Sehnsucht nach geschützten Räumen, die Sehnsucht nach Vertrauen und durchaus auch nach Beichte. Gut, wenn wir sie ermöglichen.“ Meinetwegen im Riesenrad. Aber auch im Netz.

Mehr zum Thema: „Der letzte macht das Internet aus“ von Holger Pyka

Schein und Sein 4.0 – Rückblick auf den 4. Evangelischen Medienkongress

Nein, eine Internettagung war er nicht, der 4. Evangelische Medienkongress in Hamburg. Dazu fehlten Standards vergleichbarer Veranstaltungen wie gut publiziertes WLAN (das gleichwohl vom NDR bereitgestellt und sehr leistungsfähig war) und ein vorher vereinbarter Hashtag der Veranstaltung – es wurde dann #ekdmk. Auch die Online-Begleitung des Medienkongresses habe ich anderswo schon ambitionierter erlebt. Vorträge und Charts gleichzeitig mit dem Vortrag online gestellt oder ein Livestream aller Panels hätte auch die zahlreichen Interessierten im Lande mitnehmen können. Und die gab es, berichtete man doch gleich zu Beginn, dass man eine Warteliste einrichten haben müssen. Doch wie so oft bei Kirchens, es zählen nur die, die kommen und körperlich da sind.

Auch der Subtext der Moderationen war spürbar bei diesem Medienkongress, der aus seiner Entstehungsgeschichte verständlich eher ein Kongress der Medienschaffenden in Radio und Fernsehen war. Digital ist da immer noch #Neuland und man wünscht „gute Begegnungen im Digitalen und guten (sic!) Analogen“. Oder moderiert, dass die „digitale Revolution direkt bevorsteht“. Echt? Böse gesagt ist das Motiv des Zeitgewinnen-Wollens da spürbar. Denn wer eine fast gelaufene Entwicklung als eine noch kommende bezeichnet, zeigt die eigene Position in diesem Prozess und will sich in die Zeit davor und in der man noch handeln konnte zurückbeamer. Auf den Punkt brachte es Richard Gutjahr in seinem Panel: Jahrelang habe man in den öffentlich-rechtlichen Anstalten die Trends verschlafen und es versäumt, neue Medien mit den Erfahrungen der Älteren zu verbinden. Jetzt mute vieles wie Aktionismus an, der aber deutliche Mängel im Bereich der journalistischen Qualität mit sich bringe.

Doch nun zu den Highlights des Medienkongresses.

Folgende Zusammenfassungen und Analysen gibt es im Netz:
- Das Programm im Ganzen hat die wunderbare Inga von Thomsen auf ihrem Blog schokofisch zusammengefasst. Lesen!
- Der Rückblick von Deutschlandradio Kultur bringt den Ertrag für das journalistische Handwerkszeug
- Der Rückblick von Hanno Terbuyken auf evangelisch.de
- Ein kurzer Beitrag von Benjamin Zwack mit seinem Fazit

Und mein Blick:

SPIEGEL- Korrespondent und Bestseller-Autor Thomas Schulz erzählte unter »Mensch, Maschine und Ideologie – Beobachtungen aus dem Silicon Valley« von den Menschen im Valley und lieferte das Bild eines manchmal staunenden Journalisten, der das Neue verstehen und beschreiben will. Wohltuend unaufgeregt und wertschätzend informativ bekam, wer wollte, einen Einblick in die Denke der Menschen in den ThinkTanks. Statements wie „Wir wollen die Welt verbessern“ und „Technischer Fortschritt ist an sich immer gut“ stieß dabei im Saal auf teils ungläubiges Staunen oder wurde nicht immer leise belächelt. „Die wollten wohl Gott spielen!“ war folgerichtig auch eine Frage in der nachfolgenden Diskussion. „Geht ja gar nicht!“ … dass sie es einfach tun, erschien denkunmöglich. Und die Idee, dass Silicon Valley auf die ethische Reflexionsfähigkeit der alten Welt angewiesen sei und man diese ja exportieren könne, war eben eine Idee der alten Welt. Das zu entwickeln gelang der Veranstaltung nur in Ansätzen.

Auch das Engagement von Google, seinen Mitarbeitenden neben hellen und freundlichen Arbeitsplätzen auch Yoga und Erholung anzubietet und dass es in der AppleKantine täglich frische Austern gibt, wurde von zwei Seiten her betrachten: Oh, wie dekadent und ausbeutend. Da kann man ja Arbeit und Privatleben gar nicht mehr trennen. Ach, wie innovativ. Arbeit kann auch Spaß machen und es bringt dem Unternehmen etwas, denn seine Mitarbeitenden gerne, gut und wohlbehalten unterwegs sind.

Vielleicht aber, so denke ich mir, müssen wir uns von diesem Teil der evangelischen Arbeitsethik bald verabschieden. Arbeit muss nicht freudlos und kräftezehrend sein, um Arbeit heißen dürfen. Kreativität braucht Freiraum und – ja – auch Spaß.

Sehr nah und persönlich wurde es im Panel zu »Meinungsfreiheit oder Verrohung« Hatespeech, das im Gegensatz zu fast allen anderen Panels sehr weiblich besetzt war. So schilderte, Wort-zum-Sonntag-Sprecherin Annette Behnken von hunderten von Hassmails auf ein „Wort zum Sonntag“. Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt gab Einblick in die (gelinde gesagt) Herausforderungen Ihrer Onlinekommunkation, die trotz allem Hass und allen Beleidigungen auch ein wertvolles Tool sei. ZDF-Moderatorin berichtete von ihrem Kampf gegen Hass im Netz und dem Bemühen, den Dialog mit den Hatern nicht abreißen zu lassen. Die Frage nach der Schmerzgrenze der Bundeskanzlerin und wie die Bundesregierung Konzerne wie Facebook unter Druck setzen könne, um gegen die zunehmende Verrohung in den Medien zu steuern, konnte da die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer nicht beantorten. Böhmermann-Anwalta  Prof. Dr. Christian Schertz war da klarer: Anzeigen, verfolgen, den „Rammbock des Rechts“ einsetzen und spüren lassen. Denn, auch das war nicht neu aber wieder zu spüren: Es gibt Menschen draußen, die wollen nur verletzen, beschimpfen und ihre krude Weltsicht verbreiten.

Tag 2 brachte unter anderem die engagierte Diskussion zwischen Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD-aktuell, dem Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und SZ, Georg Mascolo, Medienkritiker Stefan Niggemeier und epd-Chef Thomas Schiller. »Lügenpresse – Wer besitzt die Deutungshoheit über die Realität?« In gut lutherischer Herangehensweise (simul justus et peccator) lag der Schwerpunkt lange auf Fehlern, die bei jeder journalistischen Arbeit automatisch auch gemacht werden. Eher kritisch kam da auch die zunehmende Verschnellerung in den Medien zur Sprache. Einen Schritt zurückzugehen braucht eben Zeit. Wie dieses Wesen des Journalismus auch immer wieder vermittelt werden kann, blieb – zumindest mir – offen. Da wäre manchmal die Berichtigung und das „Wie sind wir zu dieser oder jeder Aussage gekommen“ auch eine Meldung wert. Gefehlt hat mir dabei dann auch die anlysierende Betrachtung von “Medien” wie den Publikationen des Kopp-Verlags. Denn gerade diese Publikationen tragen bei manchen Menschen viel zur Deutung der Realität bei.

Randnotiz: Weil wenige der Zuhörenden in den sozialen Medien unterwegs war und es auch keine Twitterwall gab, lag die Deutungshoheit im Saal immer beim Podium.

Persönliches Highlight war der Workshop „Facebook, Instagram, WhatsApp oder dicke Bücher: Was wird der nächste Trend?” mit Tilo Barz, Leiter Multimedia beim Hessischen Rundfunk und dem Journalist und Blogger Richard Gutjahr. Beide berichteten aus dem Inneren altehrwürdiger Institutionen über die derzeitige Entwicklung. Besonders die leicht weiterzudenkende Analogie zu Kirchens hatte da Sprengkraft.

Die Frage von Moderator Arnd Brummer nach der Zukunft konterte Gutjahr dabei gleich zu Beginn mit „Keine Ahnung!“ Mitstreiter Barz wollte immerhin noch Software und künstliche Intelligenz als Zukunftsthema benennen. „Die Technik rückt näher an den Menschen“. Beide aber beklagten das Verschlafen der Entwicklung und hoben den Wert digitaler Bildung hervor. Das Potential wäre da. Die Kirchen, so Gutjahr, hätten mit Martin Luther immer den ersten Bogger in Ihren Reihen gehabt. In der digitalen Transformation gelte es nun, die Freude am Neuen bewahren, ohne das Alte zu vergessen. Interessant war da auch die These, die Massenmedien hätten die persönliche Kommunikation erstickt. Die neue Kommunikation heute verändere das wieder.

War noch was? Ja, die Geisendörfer-Preisverleihung am Mittwoch-Abend. Der Zufall wollte es, das ich im Bus neben Frauke Gerlach, der Direktorin und Geschäftsführerin des Grimme Instituts zu sitzen kam. So erfuhr ich, dass das es schon seit 2001 (!) neben den Grimme-Preisen für Fernsehsendungen auch den Grimme Online Award gibt. Wieso gibt es das nicht beim Geisendörfer-Preis?

Gelungen war der Abend vor allem wegen seiner Preisträger: Daniela Raskito und Sven Hille vom NDR holten in #EinMomentDerBleibt Flüchtlinge vor die Kamera, die ihre Geschichte erzählten. Zwei der Geschichtenträger waren im Publikum anwesend. Julia Albrecht und Dagmar Gallenmüller (WDR) boten ein Stück Aufarbeitung der RAF-Geschichte in Albrechts eigener Familie. Christian Hinkelmann und Sharon Welzel schufen für den Radio-Sender des NDR „N-Joy“ Audiostolpersteine gegen das Vergessen des Holocaust. Die stillen Helfer in der Flüchtlingskrise ließen Autorin Maxi Obexer und Regisseur Martin Zylka im WDR-Hörspiel zu Wort kommen.  Für VOX schufen Arne Nolting, Jan Martin Scharf sowie (stellvertretend für das Regieteam) Regisseur Richard Huber in „Club der roten Bänder“ eine berührende über den Zusammenhalt sterbenskranker Kinder. Und Autorin und Regisseurin Phillis Fermer portraitierte die Schülerin Rosa, die mit Freundinnen einfach zu Flüchtlingen ging, um etwas zu tun und ihnen zu helfen. Dass Rosa da war, war den Abend schon wert. Was für ein toller junger Mensch! Den Sonderpreis der Jury bekam hochverdient Dunja Hayali die von Georg Mascolo treffend und liebevoll laudatiert wurde.

Gut getan hätte dem Abend etwas Musik, um aus den emotionalen Tiefen auch wieder mal etwas auftauchen zu können. Und eine liebevollere Moderation, die die Geehrten auch mal mit Namen auf die Bühne holt. Da erschloss sich dem geneigten Publikum nicht gleich alles. Bis jetzt noch nicht erfahren konnte ich, wie das viele aufgezeichnete Video-Material von Kongress und Preisverleihung öffentlich gemacht wird.

FAQs: Social Media in Kirchengemeinden – Was bremst? Was hilft?

Viele SocialMediaArbeiter in Landeskirchen machen die Erfahrung, dass Social Media in vielen Kirchengemeinden nicht durchstartet. Auf dem Barcamp Kirche Online im September 2016 in Köln haben wir uns auf einer Session dazu Gedanken gemacht und einige Punkte benannt. Hier einige Ergebnisse:

Ein Flaschenhals für Veränderungen können Hauptamtliche und Gremien sein. Auch Strukturen sind nicht immer hilfreich. Wenn alles über den Pfarrer laufen muss, liegt es an dessen Weitsicht und technischem Verständnis, welche Medien genutzt werden und wie sie genutzt werden. Wenn Digitalisierung für einen Kirchenvorstand nur bedrohlich ist, vertraut man lieber Altem. Veränderungen scheitern da oft an Machtfragen. Die Lösung: klare Absprachen und Aufgabenbeschreibungen, in denen sich auch andere und neue Mitarbeitende entfalten können. Denn eine Website oder eine SocialMediaAuftritt, für denen keiner Zeit hat, bringt niemandem etwas.

Eine Zeitfalle sind auch Websites und Accounts, die von Einzelpersonen angelegt wurden, die dann die Gemeinde verlassen oder die Stelle wechseln. Wie war da noch mal der Admin-Zugang? Die Lösung: Zugangsdaten und AccountInformationen immer gut dokumentieren und (so wie Schlüssel oder Barkassen) an Nachfolgende weiter geben.

Theologisch interessant ist der Gedanke, das Teilen der Gemeinde in der Gemeinde immer noch ungewohnt ist. Freikirchen haben hier theologisch öfter die Nase vorn und binden alle Mitglieder der Gemeinde in die Aktionen der Gemeinde ein. Teilhabe ist hier auch theologisch begründet. Wenn aber das Teilen- und Mitteilen-Wollen im nichtdigitalen Miteinander ungewohnt ist, wird es auch im digitalen nicht funktionieren.  Die Lösung: zeige was du machst und schmoll nicht, weil da und dort „wieder mal so wenige gekommen sind“.

Auch die Einführung des Begriffs „virtuelle Kommunikation“ hat sich im Nachhinein als nicht hilfreich herausgestellt. Denn vielen erscheint „virtuell“ ein defizitärer Begriff – was er nicht ist. Denn auch Abendmahl ist ein virtuelles Geschehen.

Ebenfalls theologisch spannend ist die Frage nach dem missionarischen Eifer. Freikirchler, so ein Votum auf dem Barcamp, wollen gerne über ihren Glauben sprechen. Für Mitglieder in landeskirchlichen Gemeinden ist das eher ungewohnt. Ein Hemmschuh in den Sozialen Medien.

Soziale Medien sind für Kirchengemeinden eine große Chance, denn – auch das eine Erkenntnis auf dem Barcamp  – Gemeinde ist auf Begegnung ausgelegt. Wer hier Neues erreichen will, muss diesen Effekt zeigen. Weil viele Vorbehalte auch Vorbehalte gegen die Tools der Sozialen Netzwerke sind, lässt sich das nur abbauen, wenn alle den Nutzen erleben können. Die Lösung sind also Aktionen, die auch Neulingen den Nutzen von Social Media unmittelbar erlebbar machen.

Die zugegeben negative Seite der Social Media sind mehr Arbeit in Sachen Kommunikation, manchmal mehr Streß, weil die Medien schneller sind und mehr Kritik von Menschen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Alles Dinge, die zum Rückzug führen. Die Lösung: Möglichst viele Aktionen, die Spaß machen. Denn das hilft gegen die Hemmschwelle.

Zuletzt: es fehlt manchmal auch an Handwerkszeug. Wer als Kirchengemeinde in Sozialen Netzwerken unterwegs ist, muss diese Kanäle auch bekannt machen. Das bedeutet Hinweise auf Email-Signaturen und auf allen Printprodukten und an allen kirchlichen Gebäuden. Die Botschaft: Wir wollen erreicht werden! Denn Social Media bildet etwas ab, das woanders nicht stattfindet.

FAQs: Sind Social Media nicht bloß Zeitfresser?

Eigentlich keine Frage sondern ein Vorwurf: Social Media würde nur viel Zeit kosten und das wirklich Wichtige im Leben verhindern. Die Antwort darauf ist weniger Antwort als Stellungnahme. „Wenn es für dich so ist, dann lass es! Ich ziehe großen Nutzen daraus.“

Klar ist dabei, dass Facebook und Co wie alles im Leben Zeit kostet. Zeit, die man bekanntlich nur einmal aufwenden kann und die für etwas anderes fehlt. Dabei muss jeder und jede für sich selbst entscheiden, wem oder was er Aufmerksamkeit schenkt oder wem oder was nicht. Kritiker der Sozialen Medien haben dann gerne meist Jugendliche vor Augen, die mit dem Smartphone in der Hand durch die Gegend laufen und weder andere Menschen noch die Welt um sich herum wahrnehmen. „Die haben keinen Blick für das wahre Leben!“ heißt es dann.

Selbst aber wenn dem so ist, ist das deren freie Entscheidung, die man nicht unbedingt kommentieren muss. Für den eigenen Lebens- und Verantwortungsbereich kann man das jedoch durchaus fordern oder einfordern. Beispiele wie das gemeinsame handyfreie Essen oder Konfirmandenunterricht ohne einen Stöpsel im Ohr gibt es viele.

Klar ist aber auch, dass Soziale Medien wie alle Kommunikationsformen menschliche Beziehungen ermöglichen und am Leben erhalten (können). Und das kostet eben Zeit. Wer also den Zeitfresser-Vorwurf erhebt, muss auch andere Aktionsformen wie Meetings oder Telefonate einer kritischen Untersuchung aussetzen. Und Facebook und Co brauchen sowie alle Medien Zeiten, in denen man sich mit ihnen beschäftigt und Zeiten, in denen anderes wichtig ist.

Sind Social Media nicht bloß Zeitfresser? Nein, sie kosten wie alles im Leben Zeit und jeder und jede muss sich bewusst dafür entscheiden, wem oder was er seine Lebenszeit schenkt. Nur deswegen, weil etwas immer da ist, muss man sich nicht ständig damit beschäftigen.

FAQs: Lohnt es sich, als Gemeinde in die Sozialen Medien zu gehen?

„Lohnt sich Facebook?“
„Kommen dann mehr Leute in den Gottesdienst?“
„Wir haben ja schon so viel zu tun, jetzt auch noch Social Media!“

Fragen wie diese von Mitarbeitenden zu den Sozialen Medien sind verständlich und kommen häufig. Nach Plakaten, Werbung, Kontakt zu Zeitungen, Mailings und anderen Aktionen erscheinen Social Media vielen wie eine weitere Form der Belastung, die man „jetzt auch noch“ erledigen soll. Öffentlichkeitsarbeit und Beziehungspflege oben drauf gesattelt. So wie vieles andere auch. Wer so die Frage nach dem „lohnt es sich?“ stellt, kann sie getrost mit Nein beantworten. Darf sich aber nicht wundern, wenn in ein paar Jahren noch weniger Menschen von seinen Aktionen erfahren.

Denn die erste Frage muss sein: Erreiche ich eigentlich noch die Menschen, die ich erreichen will? Kirchliche Öffentlichkeitsarbeit nutzt nach meiner Beobachtung vielfach noch die Mittel, die in den 70ger und 80ger Jahren des letzten Jahrhunderts gut funktioniert haben und die durch (mittlerweile auch in die Jahre gekommene) Untersuchungen in ihrer Reichweite gut belegt waren: Gemeindebrief und Plakat. Übersehen wird, das papiergebundene Werbung und Öffentlichkeitsarbeit naturgemäß eines nicht kann, das den Sozialen Netzwerken zu ihrem Erfolg verholfen hat: das Teilen-Können (also das Weiterleiten und nicht das physikalisch Teilen eines Papierblatts). Jeder Post und jede Nachricht in den Sozialen Netzwerken lässt sich leicht weiter verbreiten und gewinnt dabei noch eine wertvolle Zutat: die persönliche Bindung.

Beispiel: Einen Artikel im Gemeindebrief kann Erna ihrem Mann Heinz zeigen und Heinz kann ihn ausschneiden und den Kollegen in die Arbeit mitbringen. Einen Post auf Facebook oder in anderen Sozialen Netzwerken wird durch Ernas Teilen zu Ihrer Empfehlung, die sie auch kommentieren kann: „Schaut mal, was ich in der Gemeinde gefunden habe. Da gehe ich hin. Heinz auch. Wer kommt mit?“ Größere Reichweiten sind so leichter möglich als via Papier.

Für die Frage „Lohnt es sich, als Gemeinde in die Sozialen Medien zu gehen?“ klären Sie also zuerst, welche Medien zur Öffentlichkeitsarbeit sie zu Zeit nutzen, wie viel Zeit Sie dafür aufwenden und wie viele Menschen Sie damit erreichen? Und – ganz wichtig – ob das die Leute sind, die sie erreichen wollen? Leichter fällt das übrigens mit einem Betrachter von außen, vielleicht aus einer entfernten anderen Gemeinde oder mit Journalisten der Lokalzeitung.

Wenn Sie zum Schluss kommen, Sie möchten mehr Menschen erreichen oder erreichen bisher die falschen, überlegen Sie, welches Medium verzichtbar ist oder auch mit weniger Aufwand zu machen ist. Und wenn Sie so eine halbe Stunde Arbeit pro Woche frei bekommen, überlegen Sie, mit welchem Sozialen Medium Sie ihre Zielgruppe besser erreichen.

Ganz grob: Jugendliche mit WhatsApp und Instagram und junge Erwachsene und Erwachsene mit Facebook. Diese halbe Stunde lohnt sich. Nach einem halben Jahr evaluieren Sie die Zahlen und dann können Sie weiter überlegen.

Und damit auch die drei Eingangsfragen beantwortet sind:
„Lohnt sich Facebook?“ > Unter Umständen sehr, es kann aber auch eine andere Plattform besser sein
„Kommen dann mehr Leute in den Gottesdienst?“ > Ich denke Ja. Aber haben Sie das bei anderen Medien auch schon untersucht?
„Wir haben ja schon so viel zu tun, jetzt auch noch Social Media!“ > Nicht “auch noch”. “Anstatt”.

(In der Reihe FAQs beantworte ich Fragen, die ich häufig bei meinen Fortbildungen höre. Meistens von kirchlichen Mitarbeitenden. So wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen in anderen Landeskirchen. Fall Sie eine Frage vermissen, schreiben Sie mir bitte eine Mail.)

Zu Gast in der Facebook-Welt

„Digital durchstarten“ will Facebook mit kleinen und mittleren Unternehmen und lädt auch mich als Admin einiger Seiten ein. Ins Studio 2 der BavariaFilm in München-Grünwald. Erster Eindruck: Man will hip sein. Effektlicht, Catering und sehr sehr motivierte Moderatoren. Hey, wir wollen mit euch was erleben! Ok, dann los.

Nach etwas farblosen Facebook-Verantwortlichen kommt der Grünen-Politiker Anton Hofreiter auf die Bühne. Spätestens jetzt könnte man mit BullshitBingo beginnen. Denn es fehlt an diesem Nachmittag keines der derzeitigen BuzzWords: Der Breitband-Ausbau in Deutschland hängt. Die Netzneutralität ist wichtig. Mehr Opensource und Opendata der Kommunen  … Toni Hofreiter gibt einen Überblick, auch darüber, was die Regierung derzeit nicht schafft. Wenn es um Konkretes geht, möchte er auch bei der folgenden Podiumsdiskussion gerne konkrete Vorschläge. Wird er aber nicht bekommen.

Die folgende Podiumsdiskussion ist unterschiedlich interessant. Wenn ein Startup für konservierte Echtpflanzen und grüne Wände ohne große Finanzen nur durch Digitalisierung starten kann, lernt der erstaunte Jungunternehmer, dass zu viel Erfahrung und alte Strukturen auch hinderlich sein können. Wenn eine alteingesessene Firma wie die Berliner Holzconnection mit jungen Köpfen den Schritt in der Digitalisierung wagt, hört man förmlich die knirschenden Transformationen. Doch es gelingt nur, wenn man alle mitnimmt. Vergangenheit jedenfalls klingt nach Zettelwirtschaft, Fax und Plakatwerbung. Von Vorteil ist da, keine (!) alte Struktur zu haben. Alles auch für Kirche interessant.

Dass Digitalisierung die Zukunft ist, daran hat – wen wundert‘s – an diesem Nachmittag keiner eine Zweifel. Und wer das noch nicht verstanden hat, bekommt immer wieder leider schon allzu bekannte Fakten über den Kommunikationswandel präsentiert. Der Raum voller Fachleute fühlt sich da oftmals etwas unterfordert. Ein Martin twittert „Ist das Niveau jetzt für Menschen, die schon halbwegs Bescheid wissen, oder für komplette Neulinge? Ich bin verwirrt.“ Er ist nicht der einzige. Und “Teresa ohne h” schreibt „Expertin rät davon ab, Fotos aus Internet zu klauen. Sagt mal, meinen Veranstalter diese Veranstaltung eigentlich ernst?“ und trifft den Nagel ziemlich gut. Twitter ist übrigens an diesem Nachmittag die Kommentarleiste der Veranstaltung, zu der es keinen offiziellen (!)  Hashtag gibt. Man ahnt weshalb. Oder schaut mal unter #digitaldurchstarten

Die „Workshops“ nach einer Pause – die man bitte zum Netzwerken nutzen soll und sich in der Warteschlange vor dem Facebookstand vertreibt – sind leider auch nur Frontalunterricht. Von unterschiedlicher Güte. Klar wird am Ende der Kundenversteher gewinnen. Manche Botschaften aber sind platt: “Nutzen Sie Vertrauenssiegel!” zum Beispiel. Denn das würde Kunden anziehen. Ich halte es da eher mit „Schaffen Sie Vertrauen“.

Auch schön: Der Newsfeed “lebt” wenn Videos von selbst starten … „Leben“ würde ich anders definieren. Überhaupt ist das Bemühen zu spüren, in der digitalen Kommunikation „echte“ Gefühle zu übermitteln und Kunden damit für sich zu interessieren. Dass dazu die sechs Like-Möglichkeiten bei Facebook zwischen „gefällt mir“ und „wütend“ eine etwas eingeschränkte Ausdrucksmöglichkeit ist, scheint vernachlässigbar.

Sehr platt aber dadurch auch sehr aufschlussreich die Reise mit einem Kunden durch seinen Tag. Wir begleiten Jana. Die schon am Frühstückstisch mit ihrer Freundin chattet und sich zum Sushi-essen am Abend verabredet. Die Schuhe liebt. Die mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt … viel von schöner neuer Welt, in der vernetzte Daten und Produktplacement alles ist. Wer jetzt kritisch die Augenbrauen hochzieht, verliert, denn die bloße Sicht auf einen Menschen als Konsumenten schärft die Ansatzpunkte für mögliche Kunden-Beziehungen. Und die Persona Jana fährt nicht zufällig mit dem ÖPNV. Facebook würde ungern den Handygebrauch im Auto empfehlen. Am Ende der Geschichte vernetzt sich alles mit allem und Jana wird einen schönen Tag mit tollem Essen und wundervollen neuen pinken Schuhen haben. So soll es sein in der Welt von Facebook und Google.

Interessant wird es bei Facebook-Partner-Manager Chris von den Hoff. Denn sagt mal, was in seiner Arbeit mit Unternehmen funktioniert hat  (Den Tipp hat der Vertreter der IHK auch schon gegeben: Schauen Sie nach guten Beispielen anderer). Ein Tipp: Videos müssen auch ohne Ton funktionieren, denn wenn sie auf Facebook starten können nicht alle Nutzer gerade auch den Ton anstellen. Ein anderer: Konsistente Bildsprache. Kunden müssen in den Bildern dein Unternehmen erkennen. Gleich, auch ohne Logo und Erklärung. Interessant auch: Zielen sie nicht auf Likes, sondern verfolgen sie ihre Unternehmensziele. Gelungen ist eine Werbung, wenn der Kunde kauft. Was das für Kirche heißen kann, wäre spannend zu ergründen. Ist eine Facebook-Werbung erfolgreich, wenn wir mehr Abendmahl austeilen oder Menschen sich taufen lassen?

Und wie geht das alles? Mit Facebook-Ads, also bezahlter Werbung auf Facebook. Das kann man kritisieren. Ja. Das kann man aber auch nutzen. Denn die Zielgruppe lässt sich immer genauer eingrenzen. Meine Frage an die freundliche Dame am Facebook-Schalter, warum Facebook es nicht schafft, Hass-Kommentare zu filtern, die uns als Kirche treffen, wenn wir zum Beispiel „Religion“ als Interesse bei einer Werbung zum Thema Flüchtlinge einstellen, wurde so beantwortet: „Vielleicht nehmen Sie einfach andere Interessen, die mehr emotional gesteuert sind.“ Also eher nach Nächstenliebe suchen als nach Religion? Hm, … muss ich noch drüber nachdenken.

Klar ist aber auch: Bezahlte Kontakte sind das Geschäftsmodell Facebook. Was als Plattform für Menschen in ihrem Alltagsleben daher kommt , wird für Unternehmer zum einfachen und zielgenauen Tool, um neue Kunden zu erreichen. Attraktiv für StartUps und innovativ, weil es eben die Grenze zwischen Werbung, MitarbeiterAquise und Privatleben verschwimmen lässt und genau deswegen auch – vielleicht zu recht – von so manchen kritisiert. Nur als Tool betrachtet ist es ziemlich nützlich. Und was Facebook hier kann, findet man im E-Learning-Kanal Blueprint.

Die GretchenFrage zum Schluß: Lohnt sich „Digital Durchstarten“?

Ja, mindestens dazu, um zu prüfen ob man in etwa auf aktuellem Stand in Sachen Vorteile der Digitalisierung ist. Und auch, um zu begreifen, wie Facebook und Google so ticken. Denn die wollen die Welt ein bisschen besser machen. Wollen wir ja alle. Irgendwie.

Videostream – Technisches

Veranstaltungen im Internet zu streamen ist eigentlich kein Hexenwerk. Technisch anspruchsvoll finde ich es trotzdem. Hier unsere Erfahrungen mit dem Videostream der #elkbsynode.

Bambuser
Nach guten Erfahrungen der EKiR haben wir uns als Streaming-Plattform für Bambuser entschieden. So lässt sich (im Notfall) sowohl über die App also auch über Software streamen. Nachteil: Bambuser arbeitet noch mit Flash. Aber das ändert sich vielleicht mal. Via App ist der Acoount kostenlos. Für Softwarelösung fallen monatliche Kosten an. Um die maximale Statistik und Playereinbindung zu haben, fiel die Wahl auf den Tarif „Standart“. „Baisc würde sicher auch reichen, hat aber das Bambuser-Logo eingeblendet. Und auch das ist wichtig: Der Support der Schweden ist erste Klasse!

Wirecast auf dem Laptop
Als Software-Lösung bieten sich die kostenlose Open Broadcaster Software (OBS) oder Adobe Encrypt an oder das Programm wirecast aus dem Hause Telestream. Wir benutzten wirecast. Größter Vorteil sind sehr gute Inserts und mehrere Kameras. Dazu gleich mehr.

Als Rechner wählten wir ein HP ZBook 15 G2 mit Windows 8, Intel Core i7 (2,5 GHz), 16GB und 1TB SSD. Die CPU-Last sollte trotzdem bis 80% gehen! Sehr luxuriös aber sehr gut erwies sich die Box Blackmagic UltraStudio Express über Thunderbolt angesteuert. Sie verarbeitet sämtliche Kamerasignale und lässt auch Audio-Einspeisungen über Chinch oder XLR zu. Der Saalton kann problemlos eingebunden werden. Und wer noch einen kleinen Mischer davor schaltet, kann sogar den Ton verbessern. Für die Soft- und Hardware haben wir gute Erfahrungen mit Picturetools aus Hamburg gemacht.

Kameras
Hier wird es spannend. Denn das System wird etwas divenhaft. Eine Profi-HD-Kamera mit HDMI-Ausgang haben wir uns über den sehr preisgünstigen Verleih INDYCINE besorgt. Zusätzlich sorgten zwei Logitech C920 (nur über USB 3.0! Achtung, wirecast unterstützt nicht alle Webcams!) für Bilder vom Podium und aus dem Plenum. Problem: Der USB 3.0 Bus ist sehr schnell beleidigt und bringt das System manchmal zum Absturz. Bewährt hat sich folgenden Reihenfolge: 1. Rechner ein, 2. UltraStudio ansteuern, 3. Kamera anschalten, 4. dann erst HDMI-Verbindung einstecken, 5. Signal in der richtigen (Da ist Probieren angesagt) Einstellung liefern lassen, 6. wirecast hochfahren, 7. HDMI-Signal finden lassen, und dann erst 8. die USB-Kameras einstecken. Funzt! Andere Reihenfolgen haben bei uns keinen Erfolg gebracht.

Herausforderungen
Soll mit einer beweglichen Kamera gefilmt werden, braucht es einen extra Kameramann. Die Bildmischung und vor allem das Schreiben und Onlinestellen der richtigen Inserts ist ein FullTimeJob. Für die Synodaltagung war es hilfreich, möglichst viele Inserttexte anhand der Tagesordnung vorzubereiten und in einem Google-Drive abzulegen. So war auch bei Aussprachen meist das richtige eingeblendet.
Auch zu bedenken ist die Wechselwirkung von Veranstaltung und Stream. Die Übertragung im Internet ist zwar grundsätzlich genauso Öffentlichkeit wie Zuschauer auf der Besuchertribüne. Aber dann doch irgendwie anders.

Kosten
Die Anschaffungskosten für die Technik sind nicht ohne, machen sich aber bezahlt. Teuerster Posten waren die Leihgebühren für die HD-Kamerra, die aber mit ihrer guten Optik sehr gute Bilder lieferte und außerhalb der Übertragungszeiten für Reportagen verwendet werden konnte.

Fragen? Gerne per Mail an mich.

Was Engel und Trolle so denken – die #ecic21

Zum 21ten mal ECIC, European Christian Internet Confernce dieses Mal in der Nähe von Göteborg. „Between Angels and Trolls – a web of emotions“ das Thema. Die Erkenntnisse: Menschen reagieren im Netz so wie außerhalb. Wer erwartet, im Internet sei alles weniger ernsthaft, nicht echt oder irgendwie nur „virtuell“ wird enttäuscht. Das Netz ist voller Gefühle.

A web of emotions

Das zeigten zuerst Peter Ljungstrand und Magnus Eriksson vom „Interactive Institute“. Ihre Botschaft: Die Computerwelt war von Anfang an emotional. Die ersten „Hacker“ suchten in den 50gern bei Problemen nach Lösungen, die nicht in den Handbüchern standen. Voller Leidenschaft. Wenn in den  90gern mit Personal (!) Computern und Internet Teilhabe möglich war. Oder wenn mit den Social Media die Angst um die Daten und vor Veränderungen in die Welt kamen.

Aber auch diese Erkenntnis ist wichtig (wie Facebook in einem Feldversuch 2014 feststellte): Negative Nachrichten produzieren negative Posts und Kommentare, positive positive. Was wir wahrnehmen, verändert unser Verhalten und Denken.

Ljungstrand und Eriksson betrieben dabei offene Hermeneutik: Wer Neuland erforschen will, bereist es oft nicht vollständig sondern muss mit Ergänzungen leben. Als Beispiel diente eine Landkarte der Insel (!) California aus dem 17.Jahrhundert. Auch beschreiben wir Neues mit alten Bilder. So waren die ersten Autos „pferdelosen Kutschen“. Gefangen in Sprachbildern ertasten wir Neues. Und Zukunftsvisionen werden nie so sein wie die letztlichen Entwicklungen.

Der erste volle ECIC-Tag brachte dann mit Gustav Martner einen Internet-Haudegen. Seine Erkenntnis zum Thema „Emotions and Marketing“ aus meiner Sicht: Waren es früher einzigartige Produkte, die sich auf dem Markt durchsetzten, haben heute haben ziemlich alle Markt-Teilnehmer die gleichen Chancen. Dabei sind Innovationen fast immer eine Erweiterung menschlicher Möglichkeiten. Marshal McLuhan fragte daher 1960 (!) Im Buch „The Global Village“ (Dieser Titel entstand schon damals!): Was wird erweitert? Was macht es überflüssig? Welche Möglichkeiten erschließt es? Was folgt aus der Entwicklung, das sich nicht mehr ändern kann? Nahezu jede Entwicklung lässt sich so einordnen.

Persönlicher wurde  Gustav Martner, als er von seinen Erfahrungen auf dem Bahnhof in Göteborg. War er wie andere Freiwillige gekommen, um gestrandeten Flüchtlingen Kaffee und Decken zu bringen, stand am Ende seine Initiative „Refugee Phones“, die gespendete gebrauchte Handys an Flüchtlinge verteilt. (Wer das in Deutschland umsetzen will, bekommt von Gustav die Rechte am Claim!). Die „Erweiterung“ des Smartfone bekam hier eine völlig neue Dimension: Denn jetzt ist es der Krieg, der sich in unser Smartfone fortsetzt. Martners Hoffnung: Wenn es „the first war in your phone“ gibt, gelingt uns hoffentlich bald auch „the first peace in your phone“ zu haben.

Auch sein zweites Beispiel für den menschlichen Reflex, unterbewusst neue Informationen abzuwehren, die vordefinierte Werte bedrohen, war sehr persönlich. Denn die Ärzte sagten ihm und seiner Frau beim ersten Ultraschall, dass ihre Tochter eine kleinere Hand mit nur zwei Fingern haben würde. Während andere Eltern da eine Abtreibung erwogen, suchte das Paar nach weiteren Informationen und fand heraus, dass Kinder mit diesen Missbildungen statistisch besser durchs Leben kämen als Kinder ohne. Denn eine fehlende Hand lässt sich leicht durch eine „Erweiterung“ ersetzen. Und zudem sind abgetrennte Gliedmaßen eine häufige Unfallfolge und niemand würde daran denken, einen Menschen deswegen zu töten. Angewandt auf Organisationen hieße das: „What would i think, if I wasnt afraid? Denn der größte Hemmschuh sind die eigenen Befürchtungen. In Institutionen stehen oft Werte und Positionen dem Wandel im Weg. Möglichkeiten für Wandel: Einen Prototype in anderem Zusammenhang bauen und andere einladen, das auch in größerem Zusammenhang zu fördern. Oder: Nicht mit den Verantwortlichen direkt sprechen sondern so zu handeln, dass du in deren Agenda erscheinst.

Fragen online und offline

Charlotte Frycklund von der Schwedischen Kirche gab Einblick in ihre Arbeit. Zur einen Hälfte ist Sie Seelsorgerin und zur anderen Hälfte ist sie Seelsorgerin. Das eine analog, das andere online. Ihre nüchtern vorgetragene Erkenntnis: die Fragen die Menschen einer Seelsorgerin stellen sind online wie offline dieselben. Es geht um psychische Probleme, Daseinsängste, Suizidgedanken, Beziehungsprobleme und wirtschaftliche Sorgen. Die Offenheit der Menschen ist dabei digital und nicht digital gleich. Ihre Fragen können Sie aber im Internet viel leichter adressieren, da hier wesentlich leichter und anonymer Gleichgesinnte und Menschen mit gleichem Schicksal zu finden sind. In einem Satz: OnlineSeelsorge ist möglich und nötig.

Networking und digital songbook

Großen Raum nimmt auf jeder ECIC das Networking, der Austausch zwischen Teilnehmern ein. Vertreten waren Schweden, Finnland, Deutschland, England, Schweiz, Polen, Italien und Lutherischer Weltbund und Ökumenischer Rat der Kirchen (Hoffentlich habe ich da niemanden vergessen). Alleine die Gespräche in den langen schwedischen Abenden sind die Reise wert! Das Netzwerk funktioniert ja auch das Jahr über und lebt davon, dass persönliche Kontakte gewachsen sind.
Erstaunlicher Weise zum ersten Mal gab es zu allen Gottesdiensten und Morgenandachten kein Papier mehr. Die Teilnehmer lasen und sangen von Handys und IPads mit. Wo wenn nicht auf einer Internetkonferenz wirkt das selbstverständlich. Ich denke, in ein paar Jahren ist es auch in Kirchengemeinden üblich.

Andere Zusammenfassungen und #ecic22

Einen weiteren deutschsprachige Rückblicke der #ecic21 gibt  Ralf Peter Reimann mit Schwerpunkt auf den Tell-your-story-Sessions . Ein Storify hat Johannes Loest zusammengestellt. Alle Sessions auf Video sind auf dem ECIC-YouTubeKanal zu finden.

Die nächste ECIC findet in Polen von  25. bis 28. April 2017 statt. Vormerken. Alle Infos dazu hier.

#WerBinIch – FernsehGottesdienst online mitfeiern

Erstmals könnt ihr am 29. Mai von 10 bis 11 Uhr einen Fernsehgottesdienst live und online mitfeiern. „Wer bin ich?“ heißt die Frage, die sich Evangelische Hochschul- und Studierenden-Gemeinden aus München und Bamberg vorgenommen haben. Mitwirkende sind neben Studenten und Studentinnen die Slamerin Fee Brembeck, der Chor der TU München und die Musikstudentin Alma Naidu mit eigenen Liedern. Der Gottesdienst wird live aus der Christuskirche in München übertragen. Liturg ist Pfarrer Raphael Quandt und Pfarrerin Dr. Claudia Häfner predigt.

 

Hier findet ihr alle Informationen dazu.

Der BR bietet die Übertragung im BR-Fernsehen an und auch im Videostream
www.br.de/mediathek/video/index.html (Den Direktlink posten wir ab Sendebeginn auf Twitter)

Ihr könnt euch im second screen an diesem Gottesdienst beteiligen:
> Postet auf Twitter und Instagram unter dem Hashtag #WerBinIch
> Wir posten als @elkb den Ablauf des Gottesdienstes sowie Hintergrundinfos
> Auf Facebook www.facebook.com/EvangelischLutherischeKircheInBayern
stellen wir einzelne Teile des Gottesdienstes zum Gespräch bereit.
> Wenn ihr wollt schickt Fürbitten via Twitter oder Facebook, die wir (in Auswahl) an das Team in der Kirche weitergeben.

Die Lieder des Gottesdienstes findet ihr zum Mitsingen hier:

“Dich rühmt der Morgen“ (aus dem Liederbuch „Kommt, atmet auf“ 0165) > hier die Noten
„Da wohnt ein Sehnen“ (aus dem Liederbuch „Kommt, atmet auf“ 074) > hier die Noten
„Geh unter der Gnade“116″ (aus dem Liederbuch „Kommt, atmet auf“ 0116) > hier der Text

Infos zu den Mitwirkenden:

Der TUMChor – die Stimmen der TUM
Der TUMChor, 2013 gegründet, vereint Studierende, MitarbeiterInnen, Dozenten, Absolventen und Freunde der Technischen Universität München darin, ihre Stimmen für die TUM und besondere Events des Uni-Lebens erklingen zu lassen. Gemeinsam mit dem Symphonischen Ensemble München gestaltet der Chor unter der künstlerischen Leitung unseres Dirigenten Felix Mayer alljährlich die TUM Adventsmatinee in der Philharmonie im Gasteig. Hinzu kommen immer wieder auch kleinere Veranstaltungen, die der TUMChor festlich-musikalisch umrahmt, wie die Eröffnung eines neuen Forschungszentrums und anderes.

Der TUMChor arbeitet in einzelnen Projekten. Erhalten wir zum Beispiel die Gelegenheit, den Fernsehgottesdienst der evangelischen Hochschulgemeinden mitzugestalten, finden sich diejenigen Sängerinnen und Sänger zusammen, die in kurzen, konzentrierten Probenphasen die Stücke erarbeiten und dann zur Aufführung bringen. Selbständigkeit ist hier gefragt – alle Sänger bereiten sich selbst ausgiebig auf die Proben vor, sodass wir gleich am Feinschliff arbeiten und in kurzer Zeit ein anschauliches Programm auf die Bühne bringen können.

Durch den Projektcharakter ist der TUMChor immer wieder offen für neue, engagierte Sängerinnen und Sänger, die Lust haben, mit einem großen Chor und Orchester aufzutreten. Bei den Proben begegnen sich Studierende und Dozenten, Mitarbeiter aus der Verwaltung treffen auf Ehemalige, Erstsemester kommen mit Absolventen ins Gespräch, die die TUM vielleicht schon seit vielen Jahren verlassen haben und über den Chor Kontakt zu ihrer alten Uni pflegen – so wird die Chorgemeinschaft lebendig und zu einer wesentlichen künstlerische Bereicherung des Uni-Lebens.

Neugierig geworden? Lust, mitzusingen? Dann bitte eine Mail an chor@tum.de – wir freuen uns auf Eure Stimmen! Mehr Infos dazu hier.

Slam Poetry: Fee
Fee ist 22 Jahre alt und studiert evangelische Theologie und Germanistik auf Lehramt. Außerdem ist sie Poetry Slammerin, das heißt, sie tritt mit ihren selbstgeschriebenen Texten auf Bühnen im gesamten deutschsprachigen Raum auf. Im Dezember 2012 erblickte sie zum ersten mal das Scheinwerferlicht der Poetry-Slam-Bühne, bereits im April 2013 stand sie im Finale der bayerischen Meisterschaften, im Sommer wurde sie deutschsprachige Meisterin in der Kategorie U20. Sie tourt neben dem Studium durch Deutschland, Österreich und die Schweiz und ist für das Goethe-Institut auch schon nach Madrid gereist. Außerdem ist sie Mitglied der einmal im Monat stattfindenden Münchner Lesebühne „Die Stützen der Gesellschaft“. Im Herbst 2015 erschien ihr erstes Jugendbuch „Mach Fehler!“ beim jüngsten Verlag der Friedrich-Oetinger-Verlagsgruppe. Fee ist zudem in mehreren Anthologien vertreten.
Den Text aus dem Gottesdienst findet ihr hier auch als YouTubeVideo.

Pfarrer Raphael Quandt
35 Jahre alt, Theologiestudium in Neuendettelsau, Leipzig, Montevideo (Uruguay) und Erlangen. Vikariat in Nürnberg-Ziegelstein. 2010-2014 Pfarrer in einem Vorort von Santiago de Chile (über Mission EineWelt). Seit 2014 Studierendenseelsorger und Hochschulpfarrer in Bamberg.
Was mich am Pfarrersein begeistert: Mit Menschen über Leben und Glauben im Gespräch sein. Mal kurz und knapp, mal in aller Tiefe. Zeit haben für Menschen auf der Suche. Die frohe Botschaft mitten im Leben entdecken.
und die ESG Bamberg
Als Hochschulseelsorger bin ich Pfarrer einer ganz besonderen Gemeinde: Der Studierendengemeinde an der Bamberger Uni. Heute studierend dort ungefähr 13.000 Menschen, hinzu kommen weit über 1000 Mitarbeiter*innen und Lehrende. Als Studierendengemeinde sind wir mitten drin im Leben der Uni: Unser Haus liegt zentral in Bamberg und ist eigentlich immer geöffnet. Dort finden Studierende nicht nur eine Oase und Auszeit im Unialltag, sondern auch Raum zum Lernen, für Gespräche und für den Glauben. Jeden Tag feiern wir eine Mittagsandacht – genau 15 Minuten lang, damit keiner zu spät im Hörsaal sitzt.
Kernstück des Gemeindelebens aber sind die esg-Abende dienstags. An diesen Gemeindeabend organisieren wir ein abwechslungsreiches Programm: Themenabende zu aktuellen Fragen, Diskussions- und Gesprächsrunden, aber auch Gemeinschaftsprogramm und ökumenischen und interreligiösen Begegnungen. Schottischer Tanz? Gespräch mit einem Bestatter über unsere Bestattungskultur heute? Diskussion mit einem Theologieprofessor über „dunkle Stellen“ in der Bibel? Begegnung in der örtlichen Moschee? Kanufahren? So vielfältig sind die Gemeindeabende in einer Hochschulgemeinde!
In der esg ist es niemals still, und schon gar nicht am Donnerstagabend, wenn unser studentischer Posaunenchor probt. Es ist gut, dass immer etwas los ist! Oft denke ich, die Arbeit in einer Studierendengemeinde hat viel gemeinsam mit dem Leben der ersten Christinnen und Christen: Auch sie versammelten sich in Häusern und rund um Tische (das gemeinsame Essen ist enorm wichtig in der esg). Vieles ist in einer esg freier und spontaner, als in der klassischen Gemeinde – und gleichzeitig sind meine Aufgaben als Pfarrer gar nicht so anders: Gottesdienste feiern, Seelsorge anbieten, Gemeindeleben planen und organisieren, Gruppen und Kreise begleiten, Öffentlichkeitsarbeit machen… und das wichtigste: Jeden Tag mit Menschen im Gespräch sein über ihr Leben und ihren Glauben.
Wer mehr wissen möchte findet uns unter www.esg-bamberg.de und https://www.facebook.com/esgbamberg/. Oder man kommt am Markusplatz 1 in Bamberg auf einen Kaffee vorbei.

Pfarrerin Claudia Häfner
42 Jahre alt, verheiratet. Ich habe drei Töchter (6, 9, 12 ) und einen Sohn (1).

Ich bin in einem Dorf in Oberfranken aufgewachsen. Gott war für mich von klein auf eine wichtige “Bezugsperson”. Nach dem Abi habe ich ein Jahr lang mit psychisch kranken Jugendlichen gearbeitet. Danach habe ich in Neuendettelsau, Erlangen, Buenos Aires und München Theologie studiert. Seit 1999 bin ich Pfarrerin. Ich war in einem Unternehmen und in vier Münchener Gemeinden. Seit 2014 bin ich an der Technischen Universität München. Ich bin auch Systemische Beraterin (DGSF). Als Pfarrerin werde ich oft um vertrauliche Beratung und Seelsorge angefragt. Wir bieten in unserer kleinen Hochschulgemeinde vieles an: vor allem Studierende treffen sich wöchentlich zum gemeinsamen Essen, Musizieren, Gottesdienst feiern, Meinungen austauschen. Einmal im Jahr fahren wir auf eine Hütte in den Bergen. Wir sind ein offenes Haus: jeder ist willkommen! Egal ob und an wen er glaubt. Egal wie alt. Egal welche Nationalität. Egal welche Sprache jemand spricht-  hier sprechen wir Französisch, Englisch, Deutsch, Spanisch, Georgisch und Arabisch.
Wer mehr wissen möchte findet uns unter www.ehg-tum.de und facebook.com/EHG.TUM

Verantwortlich

Der Gottesdienst mit second screen ist eine Kooperation der „Beauftragten der Evang.-Luth. Kirche in Bayern für Hörfunk und Fernsehen beim Bayerischen Rundfunk“ mit der „Projektstelle Social Media und Networkmanagement im Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit/Publizistik“. Die Idee und Konzeption des Social Media Teils liegt bei Pfarrer Christoph Breit.

Nachlese re:publica 2016

Die #rpTEN feierte sich selbst. Jedenfalls zu Anfang. Wahnsinn! Zehn Jahre re:publica und es ist so toll dass ihr alle sein! So der Tenor des  Eröffnungspanel . Mehr als die Hälfte allerdings waren zum ersten Mal da. Wenig Kontinuität. Und die alten Kämpfer wie Sascha Lobo und andere Netzaktivisten wirkten bemüht, vor allem die Jüngeren zu bewegen. Der Ruf „Wir müssen das freie Netz auch für nachfolgende Generationen bewahren!“ wirkte teilweise verloren gegenüber jungen Speakern, die keine Sorge hatten, dass Konzerne Daten sammeln. „Ich leb mein Leben trotzdem“.

Der Hype um Snapchat

Für einen Hype sorgte die Plattform Snapchat. Was angeboten wurde, war rappelvoll. In „Snapchat für Erwachsene“ Joshua Arntzen den älteren diesen Dienst. Der Schüler konnte wegen Schule nicht kommen und ließ sich via Skype aus seinem Kinderzimmer zuschalten. Ansehen sollte man sich das Ganze in Ausschnitten. Um Mitreden zu können.
Wie auch „Let’s snap it: How organisations can use Snapchat“. Franziska Broich erzählte vom Snapchat-Kanal des Europäischen Parlament mit – sagen wir – schlichten Beispielen.
Mein Fazit zu diesem Thema: Nein, Jugendliche wollen mit der ErwachsenenWelt nichts zu tun haben und Ja, Snapchat ist für eine begrenzte Zeit das Medium dazu. Wer diesem Trend aber nachläuft, läuft eben dem Trend hinterher. Auch wenn’s das jüngste Network derzeit ist. Wer in der Jugendszene allerdings schon aktiv ist, sollte auch auf Snapchat Kontents umsetzen.

Hass im Internet

Ein weiteres großes Thema war der Umgang mit Hasskommentaren im Netz. Carolin Emcke lieferte in „Raster des Hasses“ dazu die theoretische Einordnung (Video ist derzeit noch nicht verfügbar). Und Ingrid Brodnig, Autorin des Buches „Hass im Netz“ erklärte, warum Hass sich verbreitet. Demokratie, so Brodnig, hieße eben auch, dass Idioten auch mal Sachargumenten begegnen. Wer bei Hasskommentaren aber Hoffnung auf Veränderung habe, warte vergeblich. „Es wird nicht passieren, dass es das eine Argument gibt, bei dem sich Hass-Poster an den Kopf fassen und sagen: Ah jetzt habe ich’s kapiert!“ Diese Erkenntnis käme nicht, die Leute verschwänden einfach aus der Diskussion.
Interessant auch in diesem Zusammenhang der Hinweis auf das Berufsprofil von Community-Managern: „In der realen Welt gibt es Sozialpädagogen, die mit Konflikten umgehen können. Im Netz machen das Journalisten. Die brauchen vielleicht eine sozialpädagogische Schulung.“ Aufklärung gab es über den Charakter der Aktionen von AfD und Pegida und Konsorten: Die gingen recht konzertiert vor: Straßenaktionen, Rechtsstreitigkeiten, Störung von Aufführungen seien geplante Mittel der Eskalation, der Ziel auch immer sei, die eigene Community zu stärken. Man dürfe sich, so Brodnig, auch nicht zu Aussagen hinreißen lassen, die man früher nicht für gut geheißen habe. „Wir dürfen die Komplexität nicht verlieren!“, so ihr Appell.

Schonungslose Wahrheiten von Gunter Dueck in „Cargo-Kulte“

Was sind Cargo-Kulte? Die Erklärung: Im zweiten Weltkrieg wunderten sich Melanesier, dass immer dann, wenn die Fremden (Amerikaner im Krieg gegen Japan) auf einen Turm (“Tower”) stiegen und beteten, deren Vorfahren Flugzeuge voll beladen mit Essen schickten. Da bauten sie Türme und beteten auch … .
Mit feiner Ironie zerlegte Gunter Dueck in einer sehr lohnenden Stunde die verschiedenen Mantren und Heilslehren in Politik, Wirtschaft und Kultur. Wie „Leuchtturm-Projekte“. Da seien viele einfach zu faul, nachhaltig zu arbeiten. Oder Arbeitsgruppen, die, wenn das Brainstormen nichts mehr hilft, wieder auf den Tower steigen und gemeinsam um Lösung der Probleme beten. In der Reihe der Vorträge dieses Jahr für mich Platz 1.

Product-placement

Deutlich wahrnehmbar gab es auf der #rpTEN Werbung. Notdürftig versteckt in Vorträgen. So gab Mark  Little, Twitter’s „vice president of media“ für Europe and Afrika in “What’s Next for Twitter and News?” einen Einblick in zukünftige Pläne. Twitter, so Little, sei dabei das entscheidende Medium, um Menschen mit aktuellen Nachrichten zu erreichen, selbst wenn diese gar nicht bei Twitter seien. Denn, so belegten etliche Zahlen, via Tweet verbreiteten sich News am schnellsten auch über das Netzwerk hinaus. Viele Zeitungen und Fernsehsender beriefen sich auf Twitter.
In ein ähnliches Horn stieß Ronald Horstman, Geschäftsführer der Agentur Studio 71, der das Geheimnis um Erfolg auf YouTube löste: Leidenschaft, Begeisterung, ein gutes Thema und harte Arbeit verhülfen zum Erfolg. Und Glück bräuchte man auch. Aha. Das Beispiel „Fun Family Pack“ mit einer amerikanischen Familie mit fünf Kindern war für viele dann eher zum Gruseln. Die posten jeden Tag ihres Lebens. So geht Erfolg. Naja.

Jahresrückblick Social Media Recht

Einen Klassiker auf der re:publica gab es auch dieses Jahr: Den Jahresrückblick Social Media Recht der Juristen Thorsten Feldmann und Henning Krieg, die häufig nicht einer Meinung sind aber unterhaltsam Beispiele aus der Praxis juristisch zerlegen. In diesem Jahr schaltete sich Erika Steinbach sogar live via Twitter in die Diskussion ein. Das Video gibt es leider nur auf Facebook.

Alte Säcke Politik – Wie wir eine Zukunfts- statt Angstdebatte führen können

Für mich teilweise etwas verletzend aber sehr treffend beobachtet war das Panel von Wolfgang Gründinger. Die Debatte sei bestimmt von „Alte Säcken“, die gerne alles so weiter haben würden, wie in der guten alten Zeit. Notwenig sei aber eine Zukunfts- statt einer Angstdebatte führen. Auch das ansehen!

Tolle Idee: Der Lizenzhinweisgenerator

Ein kleines Fundstück ist der Lizenzhinweisgenerator von Wikimedia. Er verhilft zu jedem Bild aus Wikipedia zu den rechtlich eindeutigen Lizenzangaben für Creative-Commons-Inhalte.

Gute Aktion für Flüchtlinge: Yallah Deutschland

Yallah ist ein zweisprachiges Medium für junge Menschen, die sich für Themen rund um Flüchtlinge interessieren. Yallah ist Journalismus optimiert für kleine Bildschirme. Der Clou: Flüchtlinge können ihre Fragen stellen und das junge StartUp versucht sie möglichst einfach und kurz zu erklären. Auf Deutsch und Arabisch. Im Netz, auf Facebook und Twitter. Mehr unter http://de.yallahdeutschland.de

Weitere Rückblicke von Ralf Peter Reimann und Rieke Harmsen

Die re:publica ist auch ein Treffen der Akteure aus dem kirchlichen Raum. Zwei weitere Summaries empfehle ich hier: Ralf Peter Reimann (Evangelische Kirche im Rheinland) und Rieke Harmsen (Evangelischer Presseverband/epd)