Schein und Sein 4.0 – Rückblick auf den 4. Evangelischen Medienkongress

Nein, eine Internettagung war er nicht, der 4. Evangelische Medienkongress in Hamburg. Dazu fehlten Standards vergleichbarer Veranstaltungen wie gut publiziertes WLAN (das gleichwohl vom NDR bereitgestellt und sehr leistungsfähig war) und ein vorher vereinbarter Hashtag der Veranstaltung – es wurde dann #ekdmk. Auch die Online-Begleitung des Medienkongresses habe ich anderswo schon ambitionierter erlebt. Vorträge und Charts gleichzeitig mit dem Vortrag online gestellt oder ein Livestream aller Panels hätte auch die zahlreichen Interessierten im Lande mitnehmen können. Und die gab es, berichtete man doch gleich zu Beginn, dass man eine Warteliste einrichten haben müssen. Doch wie so oft bei Kirchens, es zählen nur die, die kommen und körperlich da sind.

Auch der Subtext der Moderationen war spürbar bei diesem Medienkongress, der aus seiner Entstehungsgeschichte verständlich eher ein Kongress der Medienschaffenden in Radio und Fernsehen war. Digital ist da immer noch #Neuland und man wünscht „gute Begegnungen im Digitalen und guten (sic!) Analogen“. Oder moderiert, dass die „digitale Revolution direkt bevorsteht“. Echt? Böse gesagt ist das Motiv des Zeitgewinnen-Wollens da spürbar. Denn wer eine fast gelaufene Entwicklung als eine noch kommende bezeichnet, zeigt die eigene Position in diesem Prozess und will sich in die Zeit davor und in der man noch handeln konnte zurückbeamer. Auf den Punkt brachte es Richard Gutjahr in seinem Panel: Jahrelang habe man in den öffentlich-rechtlichen Anstalten die Trends verschlafen und es versäumt, neue Medien mit den Erfahrungen der Älteren zu verbinden. Jetzt mute vieles wie Aktionismus an, der aber deutliche Mängel im Bereich der journalistischen Qualität mit sich bringe.

Doch nun zu den Highlights des Medienkongresses.

Folgende Zusammenfassungen und Analysen gibt es im Netz:
- Das Programm im Ganzen hat die wunderbare Inga von Thomsen auf ihrem Blog schokofisch zusammengefasst. Lesen!
- Der Rückblick von Deutschlandradio Kultur bringt den Ertrag für das journalistische Handwerkszeug
- Der Rückblick von Hanno Terbuyken auf evangelisch.de
- Ein kurzer Beitrag von Benjamin Zwack mit seinem Fazit

Und mein Blick:

SPIEGEL- Korrespondent und Bestseller-Autor Thomas Schulz erzählte unter »Mensch, Maschine und Ideologie – Beobachtungen aus dem Silicon Valley« von den Menschen im Valley und lieferte das Bild eines manchmal staunenden Journalisten, der das Neue verstehen und beschreiben will. Wohltuend unaufgeregt und wertschätzend informativ bekam, wer wollte, einen Einblick in die Denke der Menschen in den ThinkTanks. Statements wie „Wir wollen die Welt verbessern“ und „Technischer Fortschritt ist an sich immer gut“ stieß dabei im Saal auf teils ungläubiges Staunen oder wurde nicht immer leise belächelt. „Die wollten wohl Gott spielen!“ war folgerichtig auch eine Frage in der nachfolgenden Diskussion. „Geht ja gar nicht!“ … dass sie es einfach tun, erschien denkunmöglich. Und die Idee, dass Silicon Valley auf die ethische Reflexionsfähigkeit der alten Welt angewiesen sei und man diese ja exportieren könne, war eben eine Idee der alten Welt. Das zu entwickeln gelang der Veranstaltung nur in Ansätzen.

Auch das Engagement von Google, seinen Mitarbeitenden neben hellen und freundlichen Arbeitsplätzen auch Yoga und Erholung anzubietet und dass es in der AppleKantine täglich frische Austern gibt, wurde von zwei Seiten her betrachten: Oh, wie dekadent und ausbeutend. Da kann man ja Arbeit und Privatleben gar nicht mehr trennen. Ach, wie innovativ. Arbeit kann auch Spaß machen und es bringt dem Unternehmen etwas, denn seine Mitarbeitenden gerne, gut und wohlbehalten unterwegs sind.

Vielleicht aber, so denke ich mir, müssen wir uns von diesem Teil der evangelischen Arbeitsethik bald verabschieden. Arbeit muss nicht freudlos und kräftezehrend sein, um Arbeit heißen dürfen. Kreativität braucht Freiraum und – ja – auch Spaß.

Sehr nah und persönlich wurde es im Panel zu »Meinungsfreiheit oder Verrohung« Hatespeech, das im Gegensatz zu fast allen anderen Panels sehr weiblich besetzt war. So schilderte, Wort-zum-Sonntag-Sprecherin Annette Behnken von hunderten von Hassmails auf ein „Wort zum Sonntag“. Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt gab Einblick in die (gelinde gesagt) Herausforderungen Ihrer Onlinekommunkation, die trotz allem Hass und allen Beleidigungen auch ein wertvolles Tool sei. ZDF-Moderatorin berichtete von ihrem Kampf gegen Hass im Netz und dem Bemühen, den Dialog mit den Hatern nicht abreißen zu lassen. Die Frage nach der Schmerzgrenze der Bundeskanzlerin und wie die Bundesregierung Konzerne wie Facebook unter Druck setzen könne, um gegen die zunehmende Verrohung in den Medien zu steuern, konnte da die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer nicht beantorten. Böhmermann-Anwalta  Prof. Dr. Christian Schertz war da klarer: Anzeigen, verfolgen, den „Rammbock des Rechts“ einsetzen und spüren lassen. Denn, auch das war nicht neu aber wieder zu spüren: Es gibt Menschen draußen, die wollen nur verletzen, beschimpfen und ihre krude Weltsicht verbreiten.

Tag 2 brachte unter anderem die engagierte Diskussion zwischen Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD-aktuell, dem Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und SZ, Georg Mascolo, Medienkritiker Stefan Niggemeier und epd-Chef Thomas Schiller. »Lügenpresse – Wer besitzt die Deutungshoheit über die Realität?« In gut lutherischer Herangehensweise (simul justus et peccator) lag der Schwerpunkt lange auf Fehlern, die bei jeder journalistischen Arbeit automatisch auch gemacht werden. Eher kritisch kam da auch die zunehmende Verschnellerung in den Medien zur Sprache. Einen Schritt zurückzugehen braucht eben Zeit. Wie dieses Wesen des Journalismus auch immer wieder vermittelt werden kann, blieb – zumindest mir – offen. Da wäre manchmal die Berichtigung und das „Wie sind wir zu dieser oder jeder Aussage gekommen“ auch eine Meldung wert. Gefehlt hat mir dabei dann auch die anlysierende Betrachtung von “Medien” wie den Publikationen des Kopp-Verlags. Denn gerade diese Publikationen tragen bei manchen Menschen viel zur Deutung der Realität bei.

Randnotiz: Weil wenige der Zuhörenden in den sozialen Medien unterwegs war und es auch keine Twitterwall gab, lag die Deutungshoheit im Saal immer beim Podium.

Persönliches Highlight war der Workshop „Facebook, Instagram, WhatsApp oder dicke Bücher: Was wird der nächste Trend?” mit Tilo Barz, Leiter Multimedia beim Hessischen Rundfunk und dem Journalist und Blogger Richard Gutjahr. Beide berichteten aus dem Inneren altehrwürdiger Institutionen über die derzeitige Entwicklung. Besonders die leicht weiterzudenkende Analogie zu Kirchens hatte da Sprengkraft.

Die Frage von Moderator Arnd Brummer nach der Zukunft konterte Gutjahr dabei gleich zu Beginn mit „Keine Ahnung!“ Mitstreiter Barz wollte immerhin noch Software und künstliche Intelligenz als Zukunftsthema benennen. „Die Technik rückt näher an den Menschen“. Beide aber beklagten das Verschlafen der Entwicklung und hoben den Wert digitaler Bildung hervor. Das Potential wäre da. Die Kirchen, so Gutjahr, hätten mit Martin Luther immer den ersten Bogger in Ihren Reihen gehabt. In der digitalen Transformation gelte es nun, die Freude am Neuen bewahren, ohne das Alte zu vergessen. Interessant war da auch die These, die Massenmedien hätten die persönliche Kommunikation erstickt. Die neue Kommunikation heute verändere das wieder.

War noch was? Ja, die Geisendörfer-Preisverleihung am Mittwoch-Abend. Der Zufall wollte es, das ich im Bus neben Frauke Gerlach, der Direktorin und Geschäftsführerin des Grimme Instituts zu sitzen kam. So erfuhr ich, dass das es schon seit 2001 (!) neben den Grimme-Preisen für Fernsehsendungen auch den Grimme Online Award gibt. Wieso gibt es das nicht beim Geisendörfer-Preis?

Gelungen war der Abend vor allem wegen seiner Preisträger: Daniela Raskito und Sven Hille vom NDR holten in #EinMomentDerBleibt Flüchtlinge vor die Kamera, die ihre Geschichte erzählten. Zwei der Geschichtenträger waren im Publikum anwesend. Julia Albrecht und Dagmar Gallenmüller (WDR) boten ein Stück Aufarbeitung der RAF-Geschichte in Albrechts eigener Familie. Christian Hinkelmann und Sharon Welzel schufen für den Radio-Sender des NDR „N-Joy“ Audiostolpersteine gegen das Vergessen des Holocaust. Die stillen Helfer in der Flüchtlingskrise ließen Autorin Maxi Obexer und Regisseur Martin Zylka im WDR-Hörspiel zu Wort kommen.  Für VOX schufen Arne Nolting, Jan Martin Scharf sowie (stellvertretend für das Regieteam) Regisseur Richard Huber in „Club der roten Bänder“ eine berührende über den Zusammenhalt sterbenskranker Kinder. Und Autorin und Regisseurin Phillis Fermer portraitierte die Schülerin Rosa, die mit Freundinnen einfach zu Flüchtlingen ging, um etwas zu tun und ihnen zu helfen. Dass Rosa da war, war den Abend schon wert. Was für ein toller junger Mensch! Den Sonderpreis der Jury bekam hochverdient Dunja Hayali die von Georg Mascolo treffend und liebevoll laudatiert wurde.

Gut getan hätte dem Abend etwas Musik, um aus den emotionalen Tiefen auch wieder mal etwas auftauchen zu können. Und eine liebevollere Moderation, die die Geehrten auch mal mit Namen auf die Bühne holt. Da erschloss sich dem geneigten Publikum nicht gleich alles. Bis jetzt noch nicht erfahren konnte ich, wie das viele aufgezeichnete Video-Material von Kongress und Preisverleihung öffentlich gemacht wird.

Ein Gedanke zu „Schein und Sein 4.0 – Rückblick auf den 4. Evangelischen Medienkongress

  1. Nach den Video-Aufzeichnungen vom Kongress habe ich gestern auch gefragt.
    Die soll es wohl auf rundfunk.evangelisch.de zu sehen geben, braucht aber, soweit ich Frau Rudolph vom GEP verstanden habe, einen Zugang. Bitte dort erfragen!

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