Grüße von Cloud 7 – ein Antwortversuch auf Siegfried Krückberg

Der Artikel von Siegfried Krückeberg “Leben auf Cloud 7″ im Deutschen Pfarrerblatt stellt in Sachen Digitalisierung eine hohe Hürde auf und reißt sie. „Computertechnologie und Internet haben bisher noch keines der großen Probleme der Menschheit gelöst wie Krieg, Armut, Ungerechtigkeit oder Umweltverschmutzung.“ Mit diesem Anspruch könnte man auch die Vereinten Nationen ablehnen. Oder die Erfindung des Schießpulvers. Oder die christliche Religion. „Die großen Probleme der Menschheit“, mit dieser Kanone zu schießen bringt nichts.

Auch ein anderer Kunstgriff von Professor Krückeberg macht das Antworten schwer: das Behaupten und Einführen einer Quasireligion. „Ganz anders sehen das natürlich diejenigen, die die digitale Welt dominieren und weitgehend kontrollieren. Aber auch ihre Worte und ihr Handeln zeigen, dass sie durchaus mit einem moralischen, wenn nicht sogar religiösen Anspruch auftreten. »Don’t be evil – sei nicht böse!« heißt die Anweisung von ­Google-Chef Eric Schmidt für seine Mitarbeiter. Und Facebook-Erfinder Mark Zuckerberg gibt die Devise aus: »Make the world better – mache die Welt besser.« Zitat Ende.

Die Welt besser zu machen und das Gute im Menschen nach vorne kehren sind auch christliche Werte und vielleicht reagieren Digitalkritisierer deswegen so apologetisch, weil ihnen da jemand ihr Lieblingsspielzeug weggenommen hat und – was für eine Blasphemie – damit auch noch erfolgreicher ist.

Heruntergebrochen auf den hier versuchten Diskurs werden so aber auch alle, die in und mit der Digitalisierung arbeiten zu Anhängern einer falschen Religion erklärt. Was den Dialog unmöglich macht. Das habe ich schon im Gespräch mit dem auch von Krückeberg zitierten Werner Thiede feststellen müssen. Die Wiedereinführung der Säulenheiligen steht kurz bevor.

Das Leben des Brian

Wie aber, wenn man es dennoch inhaltlich versucht? Will man die positiven Seiten der digitalen Transformation betrachten kommt man sich oft vor wie die Aufständischen in „Das Leben des Brian“. Was haben die Römer denn schon Gutes für uns gebracht? fragen sie sich. Nichts! Außer Kanalisation, Straßen, Sicherheit … die Reihe ist dann lang. Ein ähnliches Gefühl stellt sich beim Lesen des Artikels ein. Denn da wird einiges benannt um dann schnell in ein einzelnes Gefährliches abzugleiten. Hilfen für Beeinträchtigte ja, aber diese datensammelnde Barbie! Arbeitserleichterungen in der Landwirdschaft ja, aber es darf keine Arbeitsplätze kosten. Selbstfahrende Autos und Sicherheitssysteme ja, aber der Mensch muss die Kontrolle behalten. Das Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt wäre vermutlich noch schlimmer ausgefallen, hätte der LKW nicht auf Grund eines Sicherheitssystems automatisch gebremst!

Nein, wer Digitalisierung ablehnt muss dann schon so sauber bleiben, dass man nicht ein bisschen digital gut findet, wenig Apps auf dem Smartphone hat und ansonsten diejenigen belächelt, verteufelt oder kritisiert, die ganz gerne und ziemlich erfolgreich damit leben und arbeiten. Es kann aber von jedem Nutzer und jeder Nutzerin auch verlangt werden, dass er und sie nur das Tool anwendet, dessen Sicherheitseinstellungen, Datenspeicher, Möglichkeiten und Gefahren man kennt und einschätzen kann. Ich entdecke bei Digitalkritikern oft eine erschreckende Ahnungslosigkeit mit dem IPhone in der Hand.

Irgendwas mit Medien

In der Medienkritik beobachtet Krückeberg viel Richtiges, das man bei Johanna Haberer gut nachlesen kann. Wenn man sich aber vor Augen führt, dass Massenmedien ein verhältnismäßig junges Phänomen sind und von Anfang an von Verlegern und deren Macht geprägt waren, dreht sich das Bild ein wenig. Natürlich ist das, was Journalistinnen und Journalisten recherchieren vielfach sorgfältiger, wahrhaftiger und klug ausgewählt und fast immer besser als das, was in Sozialen Medien an „Informationen“ umherschwirrt. Doch auch der Qualitätsjournalismus basierte auf einem mittlerweile zerbrochenen Monopol, das der öffentlichen Meinung, die es nicht mehr gibt. Es haben sich Parallelwelten gebildet mit eigenen Medien, eigenen Wahrheiten und eigenen Gesetzen. Kirche muss einsehen, dass sie in Gefahr ist, zu einer dieser Welten zu werden und damit für viele irrelevant. Weil Christinnen und Christen zur Freiheit berufen sind, sollten sie das auch leben und eben die unterschiedlichen Filterblasen infiltrieren, im Netz aktiv sein und Menschen da erreichen, wo sie sind. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!

„Setze dich an den Fluß …

… und warte bis die Leiche deines Feindes vorbeischwimmt“ ist ein beliebtes kirchliches Schema, wenn es um Kritik an die Digitalisierung geht. Alles wird immer so schnell! Und die Menschen werden dadurch deformiert! Nein, ich weiß nicht wohin die Reise im digitalen Raum hingeht. Aber ich glaube auch, sich als Kirche an den Wegrand zu setzen und zu sagen “Sagt, wenn ihr angekommen seid, dann spielen wir wieder mit” wird nicht funktionieren. Wenn Nachfolge gefragt ist, müssen wir auch mitgehen. Und wenn Menschen mehr und mehr im digitalen Raum unterwegs sind, ist es müßig über den Sinn der Arbeit im Analogen zu reden. Denn viele Menschen kommen ganz gut mit der Datenflut zurecht und nicht wenige nutzen das, um persönlich wirtschaftlich erfolgreich tätig zu sein. Ja, es werden dabei Berufe verschwinden. Und neue entstehen. Als Kirche sich auf die Seite der Verlierer zu schlagen, heißt mit zu verlieren und sich nicht um die zu kümmern, die in der digitalen Welt angekommen sind. Auch die brauchen nämlich Evangelium!

Deswegen ist auch der zweite Teil des Artikels deutlich hilfreicher als der erste. Denn die beschriebenen Gefahren sind gut beschrieben. Was fehlt ist die theologische Antwort. Wer eine „zunehmende Wissenskluft“ beschreibt, muss für Kirche ähnlich einer „Option für die Armen“ eine „Option für die Abgehängten“ beschreiben. Wenn – richtig beobachtet – Menschen vom Subjekt zum Objekt degradiert werden, dann können wir auf die Mündigkeit von Christinnen und Christen verweisen und als Gerechtfertigte Widerstand leisten. Eine „Totale Kommerzialisierung“ kann Kirche aufdecken, wenn sie ehrlich Rechenschaft gibt über ihre Finanzen und medienethisch Aufklärung betreibt, was Menschen alles preisgeben um angeblich etwas günstiger oder leichter zu bekommen. Selbstbestimmung und die Entwicklung eigenen Denkens ist Aufgabe für kirchliche Bildung und die heilsame Unterbrechung kennen Kirchen seit Jahrhunderten. Wir müssen sie dann halt auch leben und nicht als Pfarrerinnen und Pfarrer dauergestresst durchs Land fahren, von Stille zu Stille hetzend.

Spannend ist auch die Wechselwirkung zwischen Ich und Feedback der anderen. „Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?“ fragt schon Jesus seine Jünger und die antworten mit dem der Massen. Ist das schon Sündenfall oder nicht nur Leben mit der menschlichen Realität. Auch in Kirchengemeinden werden Menschen ausgerichtet und schlecht über sie getratscht. Sie deswegen abschaffen? Fordert keiner!

Deswegen Kirche sein! Digital! Analog! Der Welt zugewandt!

Es wird also unsere Aufgabe sein, in einer schnelleren, gestaltbaren und technischer gewordenen Welt als Menschen so zu leben, wie Gott es sich gedacht hat. Oder sich aus der Welt zu verabschieden, weil sie böse geworden ist. Was Krückeberg fordert ist letztlich dann doch ein netzpolitisches Engagement! Wie viele andere auch. Und seine Erkenntnis kommt spät, fast zu spät: „Daraus folgt, dass die Kirche nicht mehr nur als eine abgeschlossene, homogene Lebenswelt gedacht werden kann, sondern sie konstituiert sich ebenso in den Vorstellungen und Gefühlen der in der Medienwelt interagierenden und miteinander vernetzten Individuen. Deshalb können die verschiedenen kirchlichen Gruppen vor Ort auch diejenigen als potentielle Mitglieder der Kirche betrachten, die von der befreienden Botschaft der geschenkten Gnade gehört haben und sich selbst als Kinder Gottes ­sehen.“

Das funzt 2punkt0

Oft werde ich nach gelungenen Beispielen im Web 2.0 gefragt. Konkret fällt mir dann meist nichts ein. Deswegen sammle ich hier mal. Und wem was fehlt, schreibt mir einen Kommentar oder eine Mail oder auf Twitter

Facebook
… für das Alter unserer Hauptzielgruppe

Vesperkirche Nürnberg weil das eine gute Veranstaltung auch im Netz lebedigt werden läss
luv Junge Kirche Lindau gibt es bevor es überhaupt eine Jugendkirche in Lindau gibt. Das schafft Identität

Instagram
… denn Bilder sagen mehr als Worte

theresaliebt ist Mama und Vikarin und postet ziemlich fein

Blog
… denn auch ohne Facebook kann man Geschichten erzählen

Christian Brecheis und Karolin Gerleigner in Nächster Halt Pfarrhaus
Barbara Eberhard mit ihren Einblicken in den Pfarrerinnenalltag
Carola Scherf als Pastorin in Lübeck auch auf Twitter

Die Redaktion Religion im BR, ein gutes Beispiel für themenzentrierte ÖA

Twitter
… für das echte Leben

@pastoracara  Carola Scherf
@PastorSandy
‏Sandra Bils, Ekklesiopreneur (Kirchehochzwei)

 

 

 

Und ob wir schon wandern im Digital!

Da sitze ich in der Katharina-von-Bora-Straße und lese den Blog von Tobias Graßmann  „Wie wir die Digitalisierung angehen!“. Bei vielem kann ich nicken und sagen „Haben wir schon“. Einiges steht noch aus. Dann lese ich „Trotzdem gilt natürlich: Daumen hoch für Christoph Breit und all die anderen Männer und Frauen auf dem verlorenen Posten!“ Danke! Treffer! denke ich. Versenkt? Sollte ich ihn anrufen. Aber dann setzt er sich vielleicht wie beschrieben wirklich in den ICE und kommt mit seinen Vorschlägen im Gepäck. Doch der Reihe nach (und vermutlich nicht vollständig):

Der neue Impuls zu #digitalekirche kommt von Hannes Leitlein: In „Und wie wir wandern im finstern Digital“ versucht er zu ergründen, warum sich die evangelische Kirche mit der Digitalisierung so schwer tut. Und er hält ein flammendes und lesenswertes Plädoyer für eine neue Reformation im Netz. Zustimmung! Doch ich sage auch: Wir wandern schon im DigiTal, fürchten uns aber nicht!

Konkreter werden die Jugenddelegierten der EKD-Synode. „Digitale Kirche: Unsere Ideen für den Rat EKD“ liefert konkrete Vorschläge und eine erste Digitale Agenda der EKD.  Erste Fragen zur Diskussion sind in „Was heißt eigentlich digitale Kirche?“ zusammen gefaßt. Für Hanno Terbuyken auf evangelisch.de geht die Diskussion grundsätzlich in die richtige Richtung: „Der Ruf nach “mehr Digitalisierung” muss konkret ausgesponnen werden. Die globale Kritik, “die Kirche” sei da “noch nicht weit genug”, reicht nicht. Die Menschen in der Kirche, die ihre Gestalt ausmachen, sind an vielen Stellen schon sehr weit. Die beste Unterstützung, diese Einzelstränge zu einem stärkeren Netz zu verweben und die Bedeutung dieses Netzes für die Gesamtgestalt von Kirche zu bekräftigen, kann aus den Amtsbüros kommen. Geschafft ist das noch nicht. Aber von null anfangen müssen wir gottseidank auch nicht.“

Weitere Antworten auf Leitlein liefern Niklas Schleicher in „Wandern ohne Stecken und Stab?“, die Social-Media-Managerin der Kirche in Hamburg, Queerology, Ulli Naefken in seinem Ulna-Studios-Blog und Michael Grunewald, Referent der EKHN.

(Update!)Jonas Bedford-Strohm hat in der Zeit auf Leitlein als “Sohn und Digitalberater des EKD-Ratsvorsitzenden” geantwortet. Hier das Vorab bei evangelisch.de und hier der Artikel “Das Digital muss blühen”.

(Update) Sehr lesenswert auch “So geht Seelsorge online” in dem fünf Experten für Digitales und Verkündigung im Protestantismus verraten, wie die Kirche sich im 21. Jahrhundert verändern muss.

Und nun?

In der Debatte um #digitaleKirche gibt es aus meiner Sicht immer wieder kehrende Muster. Den Ruf von außen, dass Kirche wieder mal eine Revolution verschlafen würde. Das höre ich auch bei Hannes Leitlein und er ist auf den ersten Blick auch berechtigt. Geht es im Kirchenentwicklung, greifen viele zu den bewährten Tools und beantworten die Fragen von heute mit den Lösungen der 80ger. Doch die Systemik lehrt auch: manches aktuelle Problem war früher mal eine Lösung. Und manche Firmen gehen nicht daran zu Grunde, das sie das Falsche tun sondern das zu lange, was früher einmal richtig war. Ja, Digitalisierung ist eine Revolution und Kirche tut gut daran, sich immer wieder zu reformieren. Wäre für eine lutherische Kirche auch komisch wenn nicht. Doch der Weckruf „Tut endlich was!“ ist aus meiner Sicht kontraproduktiv. Denn er motiviert nicht sondern will etwas erzwingen und er lässt die alt aussehen, die sich in Institutionen, Kirchenleitung und Gemeinden schon seit Jahren um Digitalisierung mühen … und dafür gerne mal belächelt werden.

Auch das reflexhaft vorgetragene Muster Wir haben doch schon so viel hilft aus meiner Sicht nicht weiter. Denn vieles ist da Projekt oder Leuchtturm. Ein Status, den Gunter Dueck auf der #rpTEN letztes Jahr als Mantra und Heilslehren in Politik, Wirtschaft und Kultur entlarfte: „Leuchtturm-Projekte“ gäbe es, weil viele einfach zu faul seien, nachhaltig zu arbeiten. Man gründe dann Arbeitsgruppen, die, wenn das Brainstormen nichts mehr hilft, wieder auf einen Turm stiegen und gemeinsam um Lösung der Probleme beten. Deswegen hat Hanno Terbuyken Recht, wenn er sagt, wir müssen nicht bei Null anfangen und auch ich könnte für die ELKB schon jede Menge aufzählen, wo an hinter Digitalisierung einen Haken machen könnte. Taufspruch.de, Trauspruch.de, Konfiweb oder der Liturgische Kalender mögen als Beispiele genügen und die Twomplet versammelt jeden Abend Menschen im Gebet. Es gibt schon viel. Aber es ist nicht genug … wenn es diesen Punkt überhaupt gibt.

Die Jungen sollen das machen ist eine weiteres immer wieder kehrendes Muster. Als Pfarrer auf einer Projektstelle höre ich das immer wieder in Pfarrkonferenzen. „Müssen wir das in unserem Alter auch noch machen?“ – die Kolleginnen und Kollegen sind meist jünger als ich. Ausgeprägter ist das Muster in kirchlichen Entscheidungsgremien: „Die paar Jahre vor dem Ruhestand gehe ich das nicht mehr an“. Eine Haltung, gegen die die wunderbaren Jugenddelegierten der EKD ja mit großer Hingabe und beneidenswerter Kraft arbeiten. Die unbequeme Wahrheit ist: viele Entscheidungsträger bei Kirche müssen über Dinge entscheiden, die sie selbst im Alltag nicht verwenden und deren Nutzen sie in der eigenen Arbeit nicht erkennen können.

Das ist ja alles nur virtuell und nicht echt ist dann das FolgeMuster. Ein kirchlicher Klassiker! Es gehört zu den aus meiner Sicht noch ungelösten theologischen Fragen der Digitalisierung, wie sich Lebensvollzüge in der Kohlenstoffwelt zu denen in der digitalen Welt verhalten. Digitale Natives verstehen diese Lücke nicht, für alle Älteren bleibt das der garstige Graben. Es ist ja „nur“ im Internet und so wenig verbindlich. Wir haben aber verlernt, die Nuancen der kirchlichen Beteiligung wahrzunehmen. Viele denken immer noch, dass Menschen, die in einer Kirche sitzen und einen Gottesdienst feiern mehr mitbekommen, als die, die das „nur“ via Internet tun. Nach 20 Jahren in der Gemeinde kann ich aber sagen: auch im Gottesdienst blickt man manchmal auf schlafende Zuhörer. Und das liegt nicht an der Qualittät des Gebotenen! Menschen entscheiden immer frei, was sie für sich mitnehmen und was nicht. Unabhängig vom Medium!

Ein weiteres Muster: Digital ist alles anders. Nein! Ich bin davon überzeugt, dass was Kirche digital betrifft, es fast alles alte Fragen sind, die in der Digitalisierungsdebatte nur neu aufschlagen. Die Unterscheidung von Person und  Amt zum Beispiel. Jeder und jede Kirchenmensch, der gerne in die Sauna geht, überlegt seht genau, ob dazu das Fitnessstudio oder Schwimmbad im Gemeindegebiet der richtige Ort ist. Die meisten fahren eher eine Stunde, um nicht als Amtsperson angesprochen zu werden. Im Arbeitsalltag einer Pfarrerin oder eines Pfarrers ist diese Trennung oder Unterscheidung immer eine Aufgabe. Eine ständige Aufgabe. Das ist im digitalen Raum nicht anders und wer deshalb vor der Digitalisierung scheut, muss sich vorwerfen lassen, dass er oder sie diese Rollenklärung vielleicht bisher auch nicht so klar vorgenommen hatte. Damit zusammen hängt Privat und Dienst und die Frage der Arbeitszeiten. 24/7online klingt da schnell bedrohlich, so als sollte man immer erreichbar sein und nie Freizeit haben oder ohne digitale Überwachung sein. Ich (der ich immer online bin) erlebe es als große Befreiung, mir meine Arbeit unabhängig von Zeit und Raum einteilen zu können und da zu arbeiten, wo ich gerade bin, eine gute Internetverbindung vorausgesetzt. Dass es trotzdem eine begrenzte Stundenzahl und nicht das ganze Leben umfasst, sollte Teil der Arbeitsumgebung sein und – bei kirchlichen Mitarbeitern – in einer Dienstordnung beschrieben sein.

Damit zum nächsten Feld: Die da oben / verkrustete Strukturen / Alt gegen neu. Vorlagen für dieses Muster gibt es genug. Zuletzt bediente Margot Käßmann dieses Schema aufs vortreffliche und sie wird – da tue ich mir als Prophet leicht – sicherlich nicht die letzte sein. Das #Neuland ist größer als so mancher denkt. Doch nach vier Jahren Missionsarbeit bei Kirche digital muss ich sagen: Das hilft nicht. Wer Alte und altes, Überkommenes, Die-da-oben oder Strukturen und Establishment nur angreift oder schlecht redet, gewinnt keine Mitstreiter. Es mag die Rolle der „Jungen“ sein, den Staub aufzuwirbeln und frischen Wind herein zu holen. Hustend im Flur stehen die, die sich innerhalb der Kirche schon lange darum mühen, dass Digitalisierung weiter geht. Es ist eine weit verbreitete Krankheit, dass jeder und jede (wobei das meist nur Männer so tun) meint, er (weniger sie) sei der erste, der bei Kirche in Sachen Digitalisierung etwas machen würde. Manche Gemeinden klingen mit Internetauftritten heute noch so, als würden sie einen neuen Kontinent erobern. Und alle Jahre wieder gibt es Pfarrer, die ein Soziales Netzwerk entern und großspurig verkünden, sie würden jetzt im Internet verkündigen, Gottesdienst feiern oder Seelsorge anbieten. Ein bisschen Recherche hätte vorab gezeigt, dass da viele schon unterwegs sind. Als Beispiel mag das Kichehochzwei-Konzept sein, das auch schon ein paar Tage alt ist. Und immer noch aktuell .

Wir müssen das Evangelium in die Welt tragen oder wahlweise Christen müssen ihren Glauben auch in den Sozialen Medien bezeugen ist dann der Anspruch, das nächste immer wieder kehrende Muster. Hand aufs Herz, wer macht das im Alltag? Die Pfarrerinnen und Pfarrer? Tobias Graßmann hat mittlerweile Recht, wenn er schreib: „Die Landeskirche muss unbedingt Abstand von der aktuell empfohlenen Praxis der Dienstprofile nehmen. Das Resultat solcher „Vikarin Soundso“ und „Pfarrer Sowienoch“-Accounts ist, dass die sozialen Medien mit unspannenden Zombies bevölkert werden, denen selbst Kirchenvorstände nur widerwillig folgen.“ Was – und der Rat stammte ja unter anderem von mir – ursprünglich dazu gedacht war, Kolleginnen und Kollegen von der Angst zu befreien, privat auf Facebook unterwegs sein zu müssen und sich mit Schülerinnen und Schülern befreunden zu müssen, hat mittlerweile seine Funktion verloren. Auf die Anfangszeit und den Wildwuchs in den Sozialen Medien muss jetzt die strategische Überlegung folgen, wie  Ressourcen zu bündeln sind. Sind dieselben User auf mehreren Seiten unterwegs, wenn ja, kann nicht eine Facebookseite diese Aufgabe statt mehrerer erfüllen.

Je länger je mehr ist der Inhalt und die Überzeugungskraft von Contents wichtig. Und digitale Kirche muss eine sein, nein werden, die von Glauben spricht, dazu ermutigt, ihn lebt. Der Vorwurf, wir missionieren zu wenig, verfängt da schon. Und der Erfolg der Freikirchen und charismatischer Einzelpersonen zeigt eben genau dies: Digitalisierung wie Gemeindeaufbau lebt von Menschen, die das Evangelium leben und ausstrahlen. Das Internet für Versäumnisse in der Kommunikation, Mission, Seelsroge, Verkündigung oder auf einem andern Feld einzusetzen, wird misslingen. Digitalisierung ist kein Rettungsboot für irrelevant gewordene Kirche.

Und Wer solls machen? Die Ressourcenfrage ist der heimliche Trumpf in der Digitalisierungsdebatte. Wo Hannes Leitlein Bischof Bedford-Strohm zu wenig Kommunikation mit den Usern vorwirft und – aus meiner Sicht falsch – darauf schließt, er hätte das Medium nicht verstanden, geht es auch um Ressourcen. Es fehlt schlicht die Zeit, allen zu antworten. Und dafür eine Redaktion einzusetzen, wie andere es tun, nimmt etwas von der Authentizität der Seite.

Tobias Graßmann fordert da eine ganze neue Abteilung im Landeskirchenamt. Ein bewusst provokanter Vorschlag, der in seiner Ausgestaltung aber ziemlich gut ist. Ein multiprofessionelles Team wäre genau richtig. Umsetzbar ist es vermutlich nicht. Denn die Versäulung der kirchlichen Strukturen ist weit fortgeschritten und ich befürchte, kein Bereich der Landeskirche ist bereit, eigene Ressourcen zu öffnen und gemeinsame Aufgaben mit zu lösen. Auch auf Landeskirchenebene ist das ein Hemmschuh, weniger bei denen, die in Sachen Internet und Digitalisierung unterwegs sind, mehr bei denen, die sie beauftragen und Rechenschaft über eingesetzte Mittel erwarten. „Das muss unseren Mitgliedern zu Gute kommen“ zieht Grenzen in einer Welt, in der das Internet nicht an der Landeskirchengrenze aufhört. Und Gemeinden sind da nicht besser. Die Ressourcenfrage in der Digitalisierung braucht hier großen Mut. Oder Kirche scheitert daran. Das schließt auch ein, dass alle Tools und Maßnahmen und Strukturen auf den Tisch müssen, analog wie digital. Die Diskussion über Digitalsierung wimmelt von Spar- und Tut-was-Vorschlägen, die andere betreffen.

Mit dem hier letzten Punkt geht es dann um das Wesen von Kirche: Verkündigung oder Kommunizieren? „Wir wollen in der Timeline unserer Mitglieder vorkommen“ muss der mindeste Anspruch sein, mit dem wir als Kirche digital in Sozialen Netzwerken unterwegs sind.  Eigentlich gesandt in alle Welt sind alle User Adressat von Kirche, einer genuin inklusiven Gemeinschaft. Schon das Bild des Adressaten ist aber falsch, denn es geht eben nicht um eine fromme Einbahnstraße. „Sozial wird ein Netzwerk aber erst dann, wenn Menschen interagieren, wenn sie, nachdem sie auf “Senden” geklickt haben, auf Empfang schalten“ schreibt Hannes Leitlein zu Recht.

Auch das ist keine Frage nur der Digitalisierung. Sie wird nur hier besonders augenfällig. Ein Pfarrer, der seine Schäflein nur belehrt und ihnen nicht zuhört, wird mit der Zeit halt zum schrulligen frommen Faktotum. Kirche, die nur sendet und ansonsten – schönes Wortspiel von Leitlein -  „Empfängnisverhütung“ betreibt, kommt in der digitalen Welt nicht vor. Ganz einfach. Und immer schon! Das verschärft sich nur, je vernetzter und digitaler unsere Welt wird. Wer im Netz bestellt, von überall her kommuniziert und alles mit dem Smartphone regelt, wird zuerst nicht verstehen und dann nicht mehr akzeptieren, dass die Gemeinde vor Ort nur zu bestimmten Zeiten offen hat und man eine Taufe nicht online vereinbaren kann. Von kaum vorhandenen christlichen Tutorials oder FaQs gar nicht zu reden.

Wie also weiter? Wie so oft wird wieder gesammelt, was es schon Tolles gibt zu Kirche digital . So manche beteiligen sich, um ihre Vorurteile gegenüber Kirche oder Kirchenleitung wieder einmal aufzubügeln.Bei den meisten spüre ich aber die Begeisterung für die Sache. Das Unbehagen, das alles doch so langsam geht. Digitale Kirche gibt es schon. Wir stehen nicht bei Null. Was ich vermisse, ist das Gegenseitig leuchten lassen. Das selbstverständliche Reden im DigiTal. Das Suchen nach Allianzen und Gemeinsamkeiten. Und das Wahrnehmen eigener Verantwortung. Jeder und jede da, wo er oder sie ist. Wir sind digitale Kirche!

FAQs: Was ist bei einem kirchengemeindlichem Facebookauftritt zu beachten?

Wer als Kirchengemeinde auf Facebook aktiv werden will, sollte ein paar Punkte beachten.

1. Das Ziel. Wen will ich damit erreichen? Über das Werbungstool bei Facebook kann man die Zahl der Menschen relativ leicht ermitteln. Beispiel: Männer und Frauen zwischen 25 und 40 in 20 Kilometer Umkreis um die Kirche mit dem Interesse Musik … Facebook wirft für jedes Profil die Zahl der User aus, auf die dieses Profil zutrifft.

2. Das eigene Angebot. Was kann ich den Leuten bieten? Für die als Zielgruppe beschriebene Gruppe muss eine Kirchengemeinde Angebote haben. Nur bekannt zu sein ist dabei nicht genug. Wer erfolgreich sein will, muss Inhalte posten, die User gerne weitergeben/teilen und kommentieren.

3. Die Ressourcen. Wieviel Zeit und Geld wollen und können wir dafür aufwenden? Wer Social Media als lästige Pflicht sieht, sollte es lassen. Die Rahmenbedingungen eines Engagements sollten vorher feststehen.

4. Die anderen. Wer ist denn sonst noch in meiner Region auf Facebook? Social Media sind ein Netzwerk. Wer als Kirchengemeinde anfängt, ohne den Kontakt zu anderen zu suchen, verliert. Ganz automatisch. Also mindestens die Landeskirche, den Kirchenkreis und das Dekanat (so sie auf Facebook sind) und örtliche Vereine liken und Posts teilen. Und sich möglichst schnell bekannt machen. Denn oft ist der Ort oder Stadt und eine große Lokalzeitung schon auf Facebook unterwegs und da einen Post von außen drauf setzen (je nach Einstellung der Seite möglich) ist erfolgreicher als mit fünf Followern zu arbeiten.

5. Der Spaß. Wer ist mit dabei und was bringt’s? Die ELKB hat Social Media Guidelines verabschiedet, die alle wichtigen Punkte für Mitarbeitende, die in den sozialen Medien unterwegs sein wollen, klären. Wer sich daran hält, macht nichts falsch. Wenn Sie ein Team gefunden hat, das für Ihre Kirchengemeinde eine Facebookseite betreibt, dann sorgen sie für Spaß und Motivation: Feiern Sie Erfolge und stärken sie den Teamgeist. Zeigen Sie auch den Blick hinter die Kulissen und die Menschen, die der Gemeinde im Netz ein Gesicht geben.

6. Der Anfang. Was ist der erste Schritt? Gründen Sie von einem aktiven FacebookProfil die Seite ihrer Kirchengemeinde, am besten mit den Namen „evangelisch-in-XStadt“ oder „XStadt-evangelisch“. Sorgen Sie mit Logo und vielen schönen Bildern gleich für einen guten Eindruck und legen Sie mit einem Post pro Tag los. Etwas bezahlte Reichweitensteigerung und nach zwei Wochen sind sie bekannt und können anfangen, mit Facebook zu arbeiten.

7. Die Hilfen. Immer noch gut ist eine Arbeitshilfe des EBW München. Weiter gibt es Blogs (wie den, den Sie grade lesen) und Facebook-Gruppen wie „Kirche und Social Media“. Denken Sie daran: Internet lebt vom gemeinsam geteilten Wissen. Viel Erfolg!

Von falschen Narrativen und geschützten Räumen

Es ist ein bei Kirchens gern genommenes Narrativ, eine persönliche und schlechte Erfahrung in der digitalen Welt als Beleg dafür zu nehmen, um die analoge Welt als wahr, hilfreich und gut zu erklären. Jüngstes Beispiel ist Margot Käßmann in ihrer aktuellen zeitzeichen-Kolumne. Zitat: „Heute erzählen Menschen alles über sich. Bei Facebook posten sie unablässig, wo sie sind, wen sie treffen, was sie denken, was sie essen. Ganz zu Beginn habe ich unter falschem Namen einen Facebook-Account eröffnet, weil meine Töchter darüber Fotos teilen wollten. Obwohl ich selbst nichts aktiv gepostet habe, erhielt ich alle möglichen “Messages“ und dazu ständig Freundschaftsangebote. Ich habe diesen Spuk jetzt ganz und gar beendet“ schreibt sie und man fühlt die Erleichterung. Verbunden mit einem Vorwurf: „Inmitten des enormen Mitteilungsbedürfnisses ist für Vertraulichkeit offenbar kein Platz mehr.“

Wirklich? Zu aller erst verrät die Autorin ihr Verhältnis zu den Social Media: Der Inbegriff eines „Heute“ ein dem „Menschen“ „alles“ über sich erzählen, ja vielleicht gar noch der Welt mitteilen, was sie heute gegessen haben. Wie verwerflich? Gut die Hälfte aller Gespräche am Arbeitsplatz oder in der SBahn wären dann genauso sinnlos, denn Menschen kommunizieren nun mal gerne. Auch über das Essen. Wahlweise auch gerne übers Wetter, den letzten Urlaub oder Angela Merkel.

Wer in der Welt mit falschem Visier herumläuft und nur so tut als ob, wird aber immer anecken. „Ganz zu Beginn habe ich unter falschem Namen einen Facebook-Account eröffnet“ heißt nichts anderes als „Ich habe den Menschen, die kommunizieren wollen eine falsche Identität vorgespielt und so getan, als würde ich mich für sie interessieren. Und stellt euch vor! Die haben das dann echt gemacht und mir die Freundschaft angeboten. Geht ja gar nicht!“

Wer in der analogen Welt mit solch vorgespieltem Interesse unterwegs ist, dürfte die Glaubwürdigkeit bei seinem Gegenüber schnell verspielen. Und wer so in Socia Media geht, braucht sich nicht wundern, wenn die gemachten Erfahrungen nicht positiv sind. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

Was als einzelne Erfahrung noch Schulterzucken hervorrufen könnte, gewinnt als Narrativ subversive Kraft: Seht, das was ich da erlebt habe, ist für mich Zeichen und Urbild einer verkommenen Welt, in der – und das ist die aus meiner Sicht unzulässige Verbindung – für Vertraulichkeit kein Platz ist. Da ist er wieder: der Untergang des Abendlandes. Wieso aber, ist für Vertraulichkeit kein Platz mehr? Wer mir etwas erzählen will, ohne dass die Welt es erfährt, schickt mir eine Direktnachricht. Und wer in sozialen Netzwerken zu viel ausplaudert, wird schnell von anderen Usern darauf hingewiesen und gefragt: „Willst du das jetzt wirklich der ganzen Welt erzählen?“ Menschen auf Social Media sind eine Community, die viel häufiger liebevoll und seelsorglich miteinander umgeht, als Menschen ohne jede Erfahrung in dieser Welt gerne mal annehmen. Wer ohne Helm und Erfahrung sich auf ein Fahrrad setzt und sich für ein Radrennen anmeldet, braucht sich nicht wundern, dass er nichts gewinnt und vermutlich mit Verletzungen ausscheidet. Social Media brauchen Offenheit und Lernen, um sich in ihnen zu bewegen. Mal vorbeischauen und darüber urteilen hilft nicht.

Nun war aber Sinn und Zweck des zeitzeichen-Artikels das Erzählen über die Beichte in einem geschützten Raum. Weil das Internet dazu ja nicht taugt, stellt die Fachkonferenz Seelsorge der EKD ein Riesenrad auf die Weltausstellung Reformation in Wittenberg 2017. „Darin können Menschen zum Spaß fahren oder aber mit einem Seelsorger, einer Seelsorgerin einige Runden drehen.“ Ein spannendes Angebot. Eine viertel Stunde zwischen Himmel und Erde und – wenn die Kabinen nicht verwanzt sind – alles was hier besprochen verlässt den Raum nicht. In jedem Fall treffen Menschen, die Riesenrad fahren wollen, auf Seelsorgende, die ebenda Seelsorge anbieten. Möglichkeiten zur Flucht sind, wenn das Rad mal fährt, eher schwierig. Menschen mit Höhenangst sind froh, dass Ihnen jemand die Hand hält. Und sicherlich wird durch die existentielle Bedrohung der rasenden Fahrt das ein oder andere Beichtgespräch ermöglicht. Wenn aber nicht der Gebrauch von Smartphones und Fotoapparaten verboten sein wird, ist der geschützte Raum im Riesenrad ebenso Konstrukt wie der angeblich so ungeschützte Raum des Internets. Hier wie da lässt sich fotografieren, filmen und posten. Menschen aber können und werden für sich frei entscheiden, wo sie offen sprechen und wo nicht. Und Kirche kann dem nachkommen und zuhören oder sich dem einen verweigern, weil das andere angeblich besser ist. „Es gibt sie, die Sehnsucht nach geschützten Räumen, die Sehnsucht nach Vertrauen und durchaus auch nach Beichte. Gut, wenn wir sie ermöglichen.“ Meinetwegen im Riesenrad. Aber auch im Netz.

Mehr zum Thema: „Der letzte macht das Internet aus“ von Holger Pyka

Schein und Sein 4.0 – Rückblick auf den 4. Evangelischen Medienkongress

Nein, eine Internettagung war er nicht, der 4. Evangelische Medienkongress in Hamburg. Dazu fehlten Standards vergleichbarer Veranstaltungen wie gut publiziertes WLAN (das gleichwohl vom NDR bereitgestellt und sehr leistungsfähig war) und ein vorher vereinbarter Hashtag der Veranstaltung – es wurde dann #ekdmk. Auch die Online-Begleitung des Medienkongresses habe ich anderswo schon ambitionierter erlebt. Vorträge und Charts gleichzeitig mit dem Vortrag online gestellt oder ein Livestream aller Panels hätte auch die zahlreichen Interessierten im Lande mitnehmen können. Und die gab es, berichtete man doch gleich zu Beginn, dass man eine Warteliste einrichten haben müssen. Doch wie so oft bei Kirchens, es zählen nur die, die kommen und körperlich da sind.

Auch der Subtext der Moderationen war spürbar bei diesem Medienkongress, der aus seiner Entstehungsgeschichte verständlich eher ein Kongress der Medienschaffenden in Radio und Fernsehen war. Digital ist da immer noch #Neuland und man wünscht „gute Begegnungen im Digitalen und guten (sic!) Analogen“. Oder moderiert, dass die „digitale Revolution direkt bevorsteht“. Echt? Böse gesagt ist das Motiv des Zeitgewinnen-Wollens da spürbar. Denn wer eine fast gelaufene Entwicklung als eine noch kommende bezeichnet, zeigt die eigene Position in diesem Prozess und will sich in die Zeit davor und in der man noch handeln konnte zurückbeamer. Auf den Punkt brachte es Richard Gutjahr in seinem Panel: Jahrelang habe man in den öffentlich-rechtlichen Anstalten die Trends verschlafen und es versäumt, neue Medien mit den Erfahrungen der Älteren zu verbinden. Jetzt mute vieles wie Aktionismus an, der aber deutliche Mängel im Bereich der journalistischen Qualität mit sich bringe.

Doch nun zu den Highlights des Medienkongresses.

Folgende Zusammenfassungen und Analysen gibt es im Netz:
- Das Programm im Ganzen hat die wunderbare Inga von Thomsen auf ihrem Blog schokofisch zusammengefasst. Lesen!
- Der Rückblick von Deutschlandradio Kultur bringt den Ertrag für das journalistische Handwerkszeug
- Der Rückblick von Hanno Terbuyken auf evangelisch.de
- Ein kurzer Beitrag von Benjamin Zwack mit seinem Fazit

Und mein Blick:

SPIEGEL- Korrespondent und Bestseller-Autor Thomas Schulz erzählte unter »Mensch, Maschine und Ideologie – Beobachtungen aus dem Silicon Valley« von den Menschen im Valley und lieferte das Bild eines manchmal staunenden Journalisten, der das Neue verstehen und beschreiben will. Wohltuend unaufgeregt und wertschätzend informativ bekam, wer wollte, einen Einblick in die Denke der Menschen in den ThinkTanks. Statements wie „Wir wollen die Welt verbessern“ und „Technischer Fortschritt ist an sich immer gut“ stieß dabei im Saal auf teils ungläubiges Staunen oder wurde nicht immer leise belächelt. „Die wollten wohl Gott spielen!“ war folgerichtig auch eine Frage in der nachfolgenden Diskussion. „Geht ja gar nicht!“ … dass sie es einfach tun, erschien denkunmöglich. Und die Idee, dass Silicon Valley auf die ethische Reflexionsfähigkeit der alten Welt angewiesen sei und man diese ja exportieren könne, war eben eine Idee der alten Welt. Das zu entwickeln gelang der Veranstaltung nur in Ansätzen.

Auch das Engagement von Google, seinen Mitarbeitenden neben hellen und freundlichen Arbeitsplätzen auch Yoga und Erholung anzubietet und dass es in der AppleKantine täglich frische Austern gibt, wurde von zwei Seiten her betrachten: Oh, wie dekadent und ausbeutend. Da kann man ja Arbeit und Privatleben gar nicht mehr trennen. Ach, wie innovativ. Arbeit kann auch Spaß machen und es bringt dem Unternehmen etwas, denn seine Mitarbeitenden gerne, gut und wohlbehalten unterwegs sind.

Vielleicht aber, so denke ich mir, müssen wir uns von diesem Teil der evangelischen Arbeitsethik bald verabschieden. Arbeit muss nicht freudlos und kräftezehrend sein, um Arbeit heißen dürfen. Kreativität braucht Freiraum und – ja – auch Spaß.

Sehr nah und persönlich wurde es im Panel zu »Meinungsfreiheit oder Verrohung« Hatespeech, das im Gegensatz zu fast allen anderen Panels sehr weiblich besetzt war. So schilderte, Wort-zum-Sonntag-Sprecherin Annette Behnken von hunderten von Hassmails auf ein „Wort zum Sonntag“. Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt gab Einblick in die (gelinde gesagt) Herausforderungen Ihrer Onlinekommunkation, die trotz allem Hass und allen Beleidigungen auch ein wertvolles Tool sei. ZDF-Moderatorin berichtete von ihrem Kampf gegen Hass im Netz und dem Bemühen, den Dialog mit den Hatern nicht abreißen zu lassen. Die Frage nach der Schmerzgrenze der Bundeskanzlerin und wie die Bundesregierung Konzerne wie Facebook unter Druck setzen könne, um gegen die zunehmende Verrohung in den Medien zu steuern, konnte da die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmer nicht beantorten. Böhmermann-Anwalta  Prof. Dr. Christian Schertz war da klarer: Anzeigen, verfolgen, den „Rammbock des Rechts“ einsetzen und spüren lassen. Denn, auch das war nicht neu aber wieder zu spüren: Es gibt Menschen draußen, die wollen nur verletzen, beschimpfen und ihre krude Weltsicht verbreiten.

Tag 2 brachte unter anderem die engagierte Diskussion zwischen Dr. Kai Gniffke, Erster Chefredakteur ARD-aktuell, dem Leiter des Rechercheverbundes von NDR, WDR und SZ, Georg Mascolo, Medienkritiker Stefan Niggemeier und epd-Chef Thomas Schiller. »Lügenpresse – Wer besitzt die Deutungshoheit über die Realität?« In gut lutherischer Herangehensweise (simul justus et peccator) lag der Schwerpunkt lange auf Fehlern, die bei jeder journalistischen Arbeit automatisch auch gemacht werden. Eher kritisch kam da auch die zunehmende Verschnellerung in den Medien zur Sprache. Einen Schritt zurückzugehen braucht eben Zeit. Wie dieses Wesen des Journalismus auch immer wieder vermittelt werden kann, blieb – zumindest mir – offen. Da wäre manchmal die Berichtigung und das „Wie sind wir zu dieser oder jeder Aussage gekommen“ auch eine Meldung wert. Gefehlt hat mir dabei dann auch die anlysierende Betrachtung von “Medien” wie den Publikationen des Kopp-Verlags. Denn gerade diese Publikationen tragen bei manchen Menschen viel zur Deutung der Realität bei.

Randnotiz: Weil wenige der Zuhörenden in den sozialen Medien unterwegs war und es auch keine Twitterwall gab, lag die Deutungshoheit im Saal immer beim Podium.

Persönliches Highlight war der Workshop „Facebook, Instagram, WhatsApp oder dicke Bücher: Was wird der nächste Trend?” mit Tilo Barz, Leiter Multimedia beim Hessischen Rundfunk und dem Journalist und Blogger Richard Gutjahr. Beide berichteten aus dem Inneren altehrwürdiger Institutionen über die derzeitige Entwicklung. Besonders die leicht weiterzudenkende Analogie zu Kirchens hatte da Sprengkraft.

Die Frage von Moderator Arnd Brummer nach der Zukunft konterte Gutjahr dabei gleich zu Beginn mit „Keine Ahnung!“ Mitstreiter Barz wollte immerhin noch Software und künstliche Intelligenz als Zukunftsthema benennen. „Die Technik rückt näher an den Menschen“. Beide aber beklagten das Verschlafen der Entwicklung und hoben den Wert digitaler Bildung hervor. Das Potential wäre da. Die Kirchen, so Gutjahr, hätten mit Martin Luther immer den ersten Bogger in Ihren Reihen gehabt. In der digitalen Transformation gelte es nun, die Freude am Neuen bewahren, ohne das Alte zu vergessen. Interessant war da auch die These, die Massenmedien hätten die persönliche Kommunikation erstickt. Die neue Kommunikation heute verändere das wieder.

War noch was? Ja, die Geisendörfer-Preisverleihung am Mittwoch-Abend. Der Zufall wollte es, das ich im Bus neben Frauke Gerlach, der Direktorin und Geschäftsführerin des Grimme Instituts zu sitzen kam. So erfuhr ich, dass das es schon seit 2001 (!) neben den Grimme-Preisen für Fernsehsendungen auch den Grimme Online Award gibt. Wieso gibt es das nicht beim Geisendörfer-Preis?

Gelungen war der Abend vor allem wegen seiner Preisträger: Daniela Raskito und Sven Hille vom NDR holten in #EinMomentDerBleibt Flüchtlinge vor die Kamera, die ihre Geschichte erzählten. Zwei der Geschichtenträger waren im Publikum anwesend. Julia Albrecht und Dagmar Gallenmüller (WDR) boten ein Stück Aufarbeitung der RAF-Geschichte in Albrechts eigener Familie. Christian Hinkelmann und Sharon Welzel schufen für den Radio-Sender des NDR „N-Joy“ Audiostolpersteine gegen das Vergessen des Holocaust. Die stillen Helfer in der Flüchtlingskrise ließen Autorin Maxi Obexer und Regisseur Martin Zylka im WDR-Hörspiel zu Wort kommen.  Für VOX schufen Arne Nolting, Jan Martin Scharf sowie (stellvertretend für das Regieteam) Regisseur Richard Huber in „Club der roten Bänder“ eine berührende über den Zusammenhalt sterbenskranker Kinder. Und Autorin und Regisseurin Phillis Fermer portraitierte die Schülerin Rosa, die mit Freundinnen einfach zu Flüchtlingen ging, um etwas zu tun und ihnen zu helfen. Dass Rosa da war, war den Abend schon wert. Was für ein toller junger Mensch! Den Sonderpreis der Jury bekam hochverdient Dunja Hayali die von Georg Mascolo treffend und liebevoll laudatiert wurde.

Gut getan hätte dem Abend etwas Musik, um aus den emotionalen Tiefen auch wieder mal etwas auftauchen zu können. Und eine liebevollere Moderation, die die Geehrten auch mal mit Namen auf die Bühne holt. Da erschloss sich dem geneigten Publikum nicht gleich alles. Bis jetzt noch nicht erfahren konnte ich, wie das viele aufgezeichnete Video-Material von Kongress und Preisverleihung öffentlich gemacht wird.

FAQs: Social Media in Kirchengemeinden – Was bremst? Was hilft?

Viele SocialMediaArbeiter in Landeskirchen machen die Erfahrung, dass Social Media in vielen Kirchengemeinden nicht durchstartet. Auf dem Barcamp Kirche Online im September 2016 in Köln haben wir uns auf einer Session dazu Gedanken gemacht und einige Punkte benannt. Hier einige Ergebnisse:

Ein Flaschenhals für Veränderungen können Hauptamtliche und Gremien sein. Auch Strukturen sind nicht immer hilfreich. Wenn alles über den Pfarrer laufen muss, liegt es an dessen Weitsicht und technischem Verständnis, welche Medien genutzt werden und wie sie genutzt werden. Wenn Digitalisierung für einen Kirchenvorstand nur bedrohlich ist, vertraut man lieber Altem. Veränderungen scheitern da oft an Machtfragen. Die Lösung: klare Absprachen und Aufgabenbeschreibungen, in denen sich auch andere und neue Mitarbeitende entfalten können. Denn eine Website oder eine SocialMediaAuftritt, für denen keiner Zeit hat, bringt niemandem etwas.

Eine Zeitfalle sind auch Websites und Accounts, die von Einzelpersonen angelegt wurden, die dann die Gemeinde verlassen oder die Stelle wechseln. Wie war da noch mal der Admin-Zugang? Die Lösung: Zugangsdaten und AccountInformationen immer gut dokumentieren und (so wie Schlüssel oder Barkassen) an Nachfolgende weiter geben.

Theologisch interessant ist der Gedanke, das Teilen der Gemeinde in der Gemeinde immer noch ungewohnt ist. Freikirchen haben hier theologisch öfter die Nase vorn und binden alle Mitglieder der Gemeinde in die Aktionen der Gemeinde ein. Teilhabe ist hier auch theologisch begründet. Wenn aber das Teilen- und Mitteilen-Wollen im nichtdigitalen Miteinander ungewohnt ist, wird es auch im digitalen nicht funktionieren.  Die Lösung: zeige was du machst und schmoll nicht, weil da und dort „wieder mal so wenige gekommen sind“.

Auch die Einführung des Begriffs „virtuelle Kommunikation“ hat sich im Nachhinein als nicht hilfreich herausgestellt. Denn vielen erscheint „virtuell“ ein defizitärer Begriff – was er nicht ist. Denn auch Abendmahl ist ein virtuelles Geschehen.

Ebenfalls theologisch spannend ist die Frage nach dem missionarischen Eifer. Freikirchler, so ein Votum auf dem Barcamp, wollen gerne über ihren Glauben sprechen. Für Mitglieder in landeskirchlichen Gemeinden ist das eher ungewohnt. Ein Hemmschuh in den Sozialen Medien.

Soziale Medien sind für Kirchengemeinden eine große Chance, denn – auch das eine Erkenntnis auf dem Barcamp  – Gemeinde ist auf Begegnung ausgelegt. Wer hier Neues erreichen will, muss diesen Effekt zeigen. Weil viele Vorbehalte auch Vorbehalte gegen die Tools der Sozialen Netzwerke sind, lässt sich das nur abbauen, wenn alle den Nutzen erleben können. Die Lösung sind also Aktionen, die auch Neulingen den Nutzen von Social Media unmittelbar erlebbar machen.

Die zugegeben negative Seite der Social Media sind mehr Arbeit in Sachen Kommunikation, manchmal mehr Streß, weil die Medien schneller sind und mehr Kritik von Menschen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Alles Dinge, die zum Rückzug führen. Die Lösung: Möglichst viele Aktionen, die Spaß machen. Denn das hilft gegen die Hemmschwelle.

Zuletzt: es fehlt manchmal auch an Handwerkszeug. Wer als Kirchengemeinde in Sozialen Netzwerken unterwegs ist, muss diese Kanäle auch bekannt machen. Das bedeutet Hinweise auf Email-Signaturen und auf allen Printprodukten und an allen kirchlichen Gebäuden. Die Botschaft: Wir wollen erreicht werden! Denn Social Media bildet etwas ab, das woanders nicht stattfindet.

FAQs: Sind Social Media nicht bloß Zeitfresser?

Eigentlich keine Frage sondern ein Vorwurf: Social Media würde nur viel Zeit kosten und das wirklich Wichtige im Leben verhindern. Die Antwort darauf ist weniger Antwort als Stellungnahme. „Wenn es für dich so ist, dann lass es! Ich ziehe großen Nutzen daraus.“

Klar ist dabei, dass Facebook und Co wie alles im Leben Zeit kostet. Zeit, die man bekanntlich nur einmal aufwenden kann und die für etwas anderes fehlt. Dabei muss jeder und jede für sich selbst entscheiden, wem oder was er Aufmerksamkeit schenkt oder wem oder was nicht. Kritiker der Sozialen Medien haben dann gerne meist Jugendliche vor Augen, die mit dem Smartphone in der Hand durch die Gegend laufen und weder andere Menschen noch die Welt um sich herum wahrnehmen. „Die haben keinen Blick für das wahre Leben!“ heißt es dann.

Selbst aber wenn dem so ist, ist das deren freie Entscheidung, die man nicht unbedingt kommentieren muss. Für den eigenen Lebens- und Verantwortungsbereich kann man das jedoch durchaus fordern oder einfordern. Beispiele wie das gemeinsame handyfreie Essen oder Konfirmandenunterricht ohne einen Stöpsel im Ohr gibt es viele.

Klar ist aber auch, dass Soziale Medien wie alle Kommunikationsformen menschliche Beziehungen ermöglichen und am Leben erhalten (können). Und das kostet eben Zeit. Wer also den Zeitfresser-Vorwurf erhebt, muss auch andere Aktionsformen wie Meetings oder Telefonate einer kritischen Untersuchung aussetzen. Und Facebook und Co brauchen sowie alle Medien Zeiten, in denen man sich mit ihnen beschäftigt und Zeiten, in denen anderes wichtig ist.

Sind Social Media nicht bloß Zeitfresser? Nein, sie kosten wie alles im Leben Zeit und jeder und jede muss sich bewusst dafür entscheiden, wem oder was er seine Lebenszeit schenkt. Nur deswegen, weil etwas immer da ist, muss man sich nicht ständig damit beschäftigen.

FAQs: Lohnt es sich, als Gemeinde in die Sozialen Medien zu gehen?

„Lohnt sich Facebook?“
„Kommen dann mehr Leute in den Gottesdienst?“
„Wir haben ja schon so viel zu tun, jetzt auch noch Social Media!“

Fragen wie diese von Mitarbeitenden zu den Sozialen Medien sind verständlich und kommen häufig. Nach Plakaten, Werbung, Kontakt zu Zeitungen, Mailings und anderen Aktionen erscheinen Social Media vielen wie eine weitere Form der Belastung, die man „jetzt auch noch“ erledigen soll. Öffentlichkeitsarbeit und Beziehungspflege oben drauf gesattelt. So wie vieles andere auch. Wer so die Frage nach dem „lohnt es sich?“ stellt, kann sie getrost mit Nein beantworten. Darf sich aber nicht wundern, wenn in ein paar Jahren noch weniger Menschen von seinen Aktionen erfahren.

Denn die erste Frage muss sein: Erreiche ich eigentlich noch die Menschen, die ich erreichen will? Kirchliche Öffentlichkeitsarbeit nutzt nach meiner Beobachtung vielfach noch die Mittel, die in den 70ger und 80ger Jahren des letzten Jahrhunderts gut funktioniert haben und die durch (mittlerweile auch in die Jahre gekommene) Untersuchungen in ihrer Reichweite gut belegt waren: Gemeindebrief und Plakat. Übersehen wird, das papiergebundene Werbung und Öffentlichkeitsarbeit naturgemäß eines nicht kann, das den Sozialen Netzwerken zu ihrem Erfolg verholfen hat: das Teilen-Können (also das Weiterleiten und nicht das physikalisch Teilen eines Papierblatts). Jeder Post und jede Nachricht in den Sozialen Netzwerken lässt sich leicht weiter verbreiten und gewinnt dabei noch eine wertvolle Zutat: die persönliche Bindung.

Beispiel: Einen Artikel im Gemeindebrief kann Erna ihrem Mann Heinz zeigen und Heinz kann ihn ausschneiden und den Kollegen in die Arbeit mitbringen. Einen Post auf Facebook oder in anderen Sozialen Netzwerken wird durch Ernas Teilen zu Ihrer Empfehlung, die sie auch kommentieren kann: „Schaut mal, was ich in der Gemeinde gefunden habe. Da gehe ich hin. Heinz auch. Wer kommt mit?“ Größere Reichweiten sind so leichter möglich als via Papier.

Für die Frage „Lohnt es sich, als Gemeinde in die Sozialen Medien zu gehen?“ klären Sie also zuerst, welche Medien zur Öffentlichkeitsarbeit sie zu Zeit nutzen, wie viel Zeit Sie dafür aufwenden und wie viele Menschen Sie damit erreichen? Und – ganz wichtig – ob das die Leute sind, die sie erreichen wollen? Leichter fällt das übrigens mit einem Betrachter von außen, vielleicht aus einer entfernten anderen Gemeinde oder mit Journalisten der Lokalzeitung.

Wenn Sie zum Schluss kommen, Sie möchten mehr Menschen erreichen oder erreichen bisher die falschen, überlegen Sie, welches Medium verzichtbar ist oder auch mit weniger Aufwand zu machen ist. Und wenn Sie so eine halbe Stunde Arbeit pro Woche frei bekommen, überlegen Sie, mit welchem Sozialen Medium Sie ihre Zielgruppe besser erreichen.

Ganz grob: Jugendliche mit WhatsApp und Instagram und junge Erwachsene und Erwachsene mit Facebook. Diese halbe Stunde lohnt sich. Nach einem halben Jahr evaluieren Sie die Zahlen und dann können Sie weiter überlegen.

Und damit auch die drei Eingangsfragen beantwortet sind:
„Lohnt sich Facebook?“ > Unter Umständen sehr, es kann aber auch eine andere Plattform besser sein
„Kommen dann mehr Leute in den Gottesdienst?“ > Ich denke Ja. Aber haben Sie das bei anderen Medien auch schon untersucht?
„Wir haben ja schon so viel zu tun, jetzt auch noch Social Media!“ > Nicht “auch noch”. “Anstatt”.

(In der Reihe FAQs beantworte ich Fragen, die ich häufig bei meinen Fortbildungen höre. Meistens von kirchlichen Mitarbeitenden. So wie viele meiner Kolleginnen und Kollegen in anderen Landeskirchen. Fall Sie eine Frage vermissen, schreiben Sie mir bitte eine Mail.)

Zu Gast in der Facebook-Welt

„Digital durchstarten“ will Facebook mit kleinen und mittleren Unternehmen und lädt auch mich als Admin einiger Seiten ein. Ins Studio 2 der BavariaFilm in München-Grünwald. Erster Eindruck: Man will hip sein. Effektlicht, Catering und sehr sehr motivierte Moderatoren. Hey, wir wollen mit euch was erleben! Ok, dann los.

Nach etwas farblosen Facebook-Verantwortlichen kommt der Grünen-Politiker Anton Hofreiter auf die Bühne. Spätestens jetzt könnte man mit BullshitBingo beginnen. Denn es fehlt an diesem Nachmittag keines der derzeitigen BuzzWords: Der Breitband-Ausbau in Deutschland hängt. Die Netzneutralität ist wichtig. Mehr Opensource und Opendata der Kommunen  … Toni Hofreiter gibt einen Überblick, auch darüber, was die Regierung derzeit nicht schafft. Wenn es um Konkretes geht, möchte er auch bei der folgenden Podiumsdiskussion gerne konkrete Vorschläge. Wird er aber nicht bekommen.

Die folgende Podiumsdiskussion ist unterschiedlich interessant. Wenn ein Startup für konservierte Echtpflanzen und grüne Wände ohne große Finanzen nur durch Digitalisierung starten kann, lernt der erstaunte Jungunternehmer, dass zu viel Erfahrung und alte Strukturen auch hinderlich sein können. Wenn eine alteingesessene Firma wie die Berliner Holzconnection mit jungen Köpfen den Schritt in der Digitalisierung wagt, hört man förmlich die knirschenden Transformationen. Doch es gelingt nur, wenn man alle mitnimmt. Vergangenheit jedenfalls klingt nach Zettelwirtschaft, Fax und Plakatwerbung. Von Vorteil ist da, keine (!) alte Struktur zu haben. Alles auch für Kirche interessant.

Dass Digitalisierung die Zukunft ist, daran hat – wen wundert‘s – an diesem Nachmittag keiner eine Zweifel. Und wer das noch nicht verstanden hat, bekommt immer wieder leider schon allzu bekannte Fakten über den Kommunikationswandel präsentiert. Der Raum voller Fachleute fühlt sich da oftmals etwas unterfordert. Ein Martin twittert „Ist das Niveau jetzt für Menschen, die schon halbwegs Bescheid wissen, oder für komplette Neulinge? Ich bin verwirrt.“ Er ist nicht der einzige. Und “Teresa ohne h” schreibt „Expertin rät davon ab, Fotos aus Internet zu klauen. Sagt mal, meinen Veranstalter diese Veranstaltung eigentlich ernst?“ und trifft den Nagel ziemlich gut. Twitter ist übrigens an diesem Nachmittag die Kommentarleiste der Veranstaltung, zu der es keinen offiziellen (!)  Hashtag gibt. Man ahnt weshalb. Oder schaut mal unter #digitaldurchstarten

Die „Workshops“ nach einer Pause – die man bitte zum Netzwerken nutzen soll und sich in der Warteschlange vor dem Facebookstand vertreibt – sind leider auch nur Frontalunterricht. Von unterschiedlicher Güte. Klar wird am Ende der Kundenversteher gewinnen. Manche Botschaften aber sind platt: “Nutzen Sie Vertrauenssiegel!” zum Beispiel. Denn das würde Kunden anziehen. Ich halte es da eher mit „Schaffen Sie Vertrauen“.

Auch schön: Der Newsfeed “lebt” wenn Videos von selbst starten … „Leben“ würde ich anders definieren. Überhaupt ist das Bemühen zu spüren, in der digitalen Kommunikation „echte“ Gefühle zu übermitteln und Kunden damit für sich zu interessieren. Dass dazu die sechs Like-Möglichkeiten bei Facebook zwischen „gefällt mir“ und „wütend“ eine etwas eingeschränkte Ausdrucksmöglichkeit ist, scheint vernachlässigbar.

Sehr platt aber dadurch auch sehr aufschlussreich die Reise mit einem Kunden durch seinen Tag. Wir begleiten Jana. Die schon am Frühstückstisch mit ihrer Freundin chattet und sich zum Sushi-essen am Abend verabredet. Die Schuhe liebt. Die mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt … viel von schöner neuer Welt, in der vernetzte Daten und Produktplacement alles ist. Wer jetzt kritisch die Augenbrauen hochzieht, verliert, denn die bloße Sicht auf einen Menschen als Konsumenten schärft die Ansatzpunkte für mögliche Kunden-Beziehungen. Und die Persona Jana fährt nicht zufällig mit dem ÖPNV. Facebook würde ungern den Handygebrauch im Auto empfehlen. Am Ende der Geschichte vernetzt sich alles mit allem und Jana wird einen schönen Tag mit tollem Essen und wundervollen neuen pinken Schuhen haben. So soll es sein in der Welt von Facebook und Google.

Interessant wird es bei Facebook-Partner-Manager Chris von den Hoff. Denn sagt mal, was in seiner Arbeit mit Unternehmen funktioniert hat  (Den Tipp hat der Vertreter der IHK auch schon gegeben: Schauen Sie nach guten Beispielen anderer). Ein Tipp: Videos müssen auch ohne Ton funktionieren, denn wenn sie auf Facebook starten können nicht alle Nutzer gerade auch den Ton anstellen. Ein anderer: Konsistente Bildsprache. Kunden müssen in den Bildern dein Unternehmen erkennen. Gleich, auch ohne Logo und Erklärung. Interessant auch: Zielen sie nicht auf Likes, sondern verfolgen sie ihre Unternehmensziele. Gelungen ist eine Werbung, wenn der Kunde kauft. Was das für Kirche heißen kann, wäre spannend zu ergründen. Ist eine Facebook-Werbung erfolgreich, wenn wir mehr Abendmahl austeilen oder Menschen sich taufen lassen?

Und wie geht das alles? Mit Facebook-Ads, also bezahlter Werbung auf Facebook. Das kann man kritisieren. Ja. Das kann man aber auch nutzen. Denn die Zielgruppe lässt sich immer genauer eingrenzen. Meine Frage an die freundliche Dame am Facebook-Schalter, warum Facebook es nicht schafft, Hass-Kommentare zu filtern, die uns als Kirche treffen, wenn wir zum Beispiel „Religion“ als Interesse bei einer Werbung zum Thema Flüchtlinge einstellen, wurde so beantwortet: „Vielleicht nehmen Sie einfach andere Interessen, die mehr emotional gesteuert sind.“ Also eher nach Nächstenliebe suchen als nach Religion? Hm, … muss ich noch drüber nachdenken.

Klar ist aber auch: Bezahlte Kontakte sind das Geschäftsmodell Facebook. Was als Plattform für Menschen in ihrem Alltagsleben daher kommt , wird für Unternehmer zum einfachen und zielgenauen Tool, um neue Kunden zu erreichen. Attraktiv für StartUps und innovativ, weil es eben die Grenze zwischen Werbung, MitarbeiterAquise und Privatleben verschwimmen lässt und genau deswegen auch – vielleicht zu recht – von so manchen kritisiert. Nur als Tool betrachtet ist es ziemlich nützlich. Und was Facebook hier kann, findet man im E-Learning-Kanal Blueprint.

Die GretchenFrage zum Schluß: Lohnt sich „Digital Durchstarten“?

Ja, mindestens dazu, um zu prüfen ob man in etwa auf aktuellem Stand in Sachen Vorteile der Digitalisierung ist. Und auch, um zu begreifen, wie Facebook und Google so ticken. Denn die wollen die Welt ein bisschen besser machen. Wollen wir ja alle. Irgendwie.